Mittwoch, 21. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -104-
"Wie viele Pfeile hast du noch, Okyaku-Sama -mein Herr-?" fragt Ruri-chan.

"Zweiunddreißig."

"Das reicht bestimmt nicht."

"Richtig," antworte ich ihr. "Damit besiegen wir sie nicht. Damit befreien wir unsere Leute auch nicht. Damit stiften wir allerdings Verwirrung."

Ich nehme mir ein Seil aus Pepa-Fasern und knote eine Schlinge hinein.

"Was willst du tun, Herr?" fragt sie.

"Bringt mich zum vierten Boot," sage ich.

Wir haben geschätzt, dass an Bord der Boote etwas über einhundert Männer gewesen sein müssen. Davon dürften abzüglich der Ausfälle, weil betäubte Männer über Bord gegangen sind, noch sechzig Männer übrig sein - auf die sechs Sumpfboote verteilt. Lautlos steuert Bani das vierte Boot an. Wie wir festgestellt haben, sind auf den vier inneren Booten nur wenige Männer anwesend. Die Fremden haben sich hauptsächlich auf das erste und das letzte Boot konzentriert.

Später am Tag sind die Sumpfboote enger zusammengerückt und Bug an Heck vertäut worden, so dass die Besatzungen sich gegenseitig zu Hilfe kommen könnten, wenn nötig. Sollte etwa in der Mitte der Bootskette jemand an Bord kommen, könnten die Eindringenden von Vorn und Hinten her bekämpft und ins Wasser zurückgetrieben werden.

Diese Verteidigungsmaßnahmen lassen es für die Fremden logischer erscheinen, dass die unbekannten Angreifer entweder das erste oder das letzte Boot angreifen, um nicht zwischen zwei Fronten zu geraten.
Wir haben nun die Bordwand des vierten Bootes erreicht. Da ich alleine bin, erscheint es mir das Beste zu sein, die fremden Männer für mich kämpfen zu lassen.

Dicht an der Außenwand des Bootes stehend, forme ich mit dem Mund ein klickendes Geräusch. Ich höre einen scharfen Atemzug, ein Laut, der mir den Standort eines Mannes verrät. Mit meiner Schlinge zerre ich ihn über die Reling. Er strampelt im Wasser, ruft angstvoll um Hilfe.

Ich höre kurz darauf Männer von beiden Seiten auf den Lärm zulaufen. In der Dunkelheit stoßen sie aufeinander, brüllend, die Waffen schwingend. Ich höre, wie Männer, die zwischen zwei Booten einen Fehltritt machen, schreiend in den Sumpf stürzen. Es wird viel gebrüllt. Jemand ruft nach einer Fackel. Wir staken uns zurück, vom Boot weg, während ich das Blasrohr zur Hand nehme und einen Pfeil fertig mache.

Als die Fackel aufflammt, schicke ich den Pfeil gegen den Mann, der sie hält. Er geht langsam zu Boden. Die Fackel fällt ihm aus der kraftlosen Hand. In dem Durcheinander wird ein zweiter Mann über die Bordwand gestoßen. Man fordert weitere Fackeln, doch niemand entzündet das Feuer. Und dann ertönt das Klirren von Klingen.

"Sie sind an Bord!" ruft jemand. "Wir werden geentert! Kämpft!"

Ich warte mit schussbereitem Blasrohr etwa dreißig Meter entfernt mitten im Schilf. Doch niemand bringt eine neue Fackel. Ich höre Männer über die Boote laufen. Ich höre Schmerzensschreie und das Aufklatschen von Körpern im Wasser.

Aus der anderen Richtung vernehme ich eine Stimme, die weitere Männer nach vorn befiehlt und den Befehl gibt, den Angreifern in die Flanke zu fallen. Der Lärm ist unbeschreiblich. Stahl klirrt. Ich sage zu den beiden Frauen: "Wir sollten etwas schlafen."

"Wie kannst du jetzt schlafen, Janaba -Herr-?" fragt Bani.

Sie ist voller Stresshormone.

"Es ist Zeit zum Schlafen," wiederhole ich.
Ich verankere das Floß mit unseren Stak-Hölzern und lege mich hin.
In der ersten Morgendämmerung werde ich wach. Der Wind raschelt im Schilf und über mir schreien vier Sumpfvögel am Himmel. Ruri-chan und Bani sind schon wach. Wir frühstücken.

Als sich Ruri-chan mit dem Handrücken die letzten Krümel aus dem Gesicht wischt, sagt sie: "Du hast nur noch neun Pfeile, Shujin -Meister-."

"Ich glaube nicht, dass es noch darauf ankommt," antworte ich ihr. "Wir fahren zu den Booten."

Bani schaut mich verständnislos an, löst die Stak-Hölzer aus dem Morast und wir staken uns zu den Booten, die im Morgenlicht verlassen und grau wirken. Langsam umkreisen wir die sechs schwerfälligen Sumpfboote. Ich halte das Blasrohr schussbereit. Wir warten etwa eine Stunde, dann gebe ich die Anweisung, das sechste Boot anzusteuern.

Mehrere Minuten lang warten wir stumm, dann fahre ich mit meinem Stak-Holz an der Bordwand entlang. Es gibt ein hohles Geräusch.

Keine Reaktion.

Ich hebe langsam den Kopf, bis ich über die Reling blicken kann. Die Ruderbänke sind leer. Keiner ist an Bord. Die Gefangenen von den Pepa-Inseln liegen dicht gepackt zwischen den Ruderbänken, mit den Köpfen zum Heck.

"Wer ist da?" flüstert einer.

"Still!" zische ich.

Ich blicke über die Reling zu Ruri-chan und gebe ihr ein Zeichen, mir ihre Sichel zu reichen. Dann winke ich beide Frauen an Bord und lasse sie das Floß am Sumpfboot festbinden.

"Der Nachen ist fort," sagt Bani.

Ich nicke schweigend.

"Folgt mir," sage ich.

Auf dem sechsten Boot sind keine fremden Männer. Ich steige hinüber zum fünften Boot. Dort sehe ich tote Männer mit offenen Stich- und Schnittwunden. Viele andere sind sicher in der Verwirrung über Bord gedrängt worden. Die Leute können selten schwimmen. Auch ist das Delta nicht sehr tief und hat sumpfigen Boden. Menschen, die da hineinfallen, bleiben stecken und versinken langsam.

So gehen wir die Kette der Boote ab. Nirgends finden wir einen der Angreifer. Die sich noch haben retten können, sind offenbar mit den Nachen geflohen. Wahrscheinlich sind sie noch während des Kampfes oder kurz danach in der Stille, die der Vorläufer eines neuen fürchterlichen Angriffes hätte sein können, über die Bordwand geklettert und in verzweifelter Hast in die Dunkelheit geflohen. Bald stehen wir auf dem Bug des ersten Bootes.

"Sie sind alle tot," flüstert Ruri-chan.

"Wir wollen die Bauern befreien," sage ich und beginne beim nächstbesten Gefesselten.

Wir schneiden auf unserem Weg zurück zum letzten Boot allen Menschen ihre Fesseln durch.

"Wasser bitte," sagt ein gefesselter Pepa-Bauer, aber ich muss ihn vertrösten.

Als ich Chandan Naresh befreie, lässt er es sich nicht nehmen, sich an der weiteren Befreiungsaktion zu beteiligen. Er nimmt einem Toten das Messer ab und überholt uns schließlich auf unserem Weg zurück. Ich lasse ihm gern den Vortritt. Dann erreichen wir das Heck des sechsten Bootes.

Von dort schaue ich zurück auf die Kette der Boote. Die Bauern massieren ihre Glieder und besetzen die Ruderbänke. Die toten Festländer, die hier und da herum liegen, werden über Bord geworfen. Irgendwo weint ein Kind.

Chandan Naresh spricht mich an:
"Ich wusste, dass du es warst. Es waren über Hundert Angreifer. Wir alle sind dir sehr zu Dank verpflichtet. Aber sag' mir: Warum bist du nicht geflohen?"

"Ich konnte nicht," erwidere ich einfach.

"Raja ist tot. Janaba Schmidt hat ihn entdeckt," wirft Bani dazwischen.

Chandan Nareshs Faust verkrampft sich. Tränen treten in seine Augen.

"Mein Sohn..." presst er kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor.

Dann hat er sich wieder unter Kontrolle und wendet sich wieder mir zu.

"Du hast dies alles wegen des Kindes getan?"

"Ja."

Spontan drückt er mich an seine Brust, um mich sogleich wieder los zu lassen.

"Alles klar in den Booten?" ruft er über das Wasser.

"Ja!" schallt es zurück. "Ja! Ja! Ja!"

"Kappt die Verbindungsleinen und zurück zu den Inseln! Es gibt viel zu tun!"

Allgemeines Jubelgeschrei ist zu hören. Langsam setzen sich die Boote in Bewegung.

"Wir werden eine Miliz gründen müssen! So etwas darf nie wieder passieren!" sagt Chandan Naresh während der Rückfahrt zu mir.

Ich pflichte ihm bei. Ich wage es nicht, ihn jetzt nach seinem Vater Baru Naresh zu fragen.

Während des Wiederaufbaus von Prabal Jagan führt er unangefochten das Kommando. Alle Fäden laufen bei ihm zusammen. Dann kommen die Familienoberhäupter in einer Ratsversammlung zusammen und wählen ihn zum neuen Dorfchef.
Als Zuhörer bei der Ratsversammlung fällt mir ein Defizit auf. Ich frage Chandan Naresh in einer Teepause:

"Wie viele der Pepa-Bauern verstehen sich auf Selbstverteidigung? Hat jemand von euch schon einmal Kontakt mit Kungfu, Karate, oder anderen Techniken gehabt?"

Chandan Naresh schüttelt den Kopf.

"Wenn du dir den Angriff der Leute noch einmal ins Gedächtnis zurückrufst und dir dabei vorstellst, die Pepa-Bauern hätten die Fremden entwaffnen und überwältigen können..."

"Dann wäre das Fest ganz anders verlaufen, trotz des Überraschungseffektes auf Seiten der Gegner!"

"Den Überraschungseffekt kann man der Gegenseite nehmen, wenn man eine Drohne, einen
Minihubschrauber, über der Landschaft kreisen lässt. Dazu musst du drei Leute abstellen, die im Wechsel nur das Gerät bedienen und den Bildschirm beobachten. Allerdings kann so ein fliegendes Auge während der sturzbachartigen Regenfälle in der Monsunzeit nicht fliegen.
Ruri-chan und ich sind in Ju-Jutsu bewandert, einer schnell zu erlernenden Variante einer asiatischen Kampfsportart. Wähle ein Dutzend Männer, und vielleicht deren Frauen, aus. Wir unterrichten diese beiden Gruppen. Anschließend können diese Leute ihre Familienangehörigen ausbilden, bis jeder von euch sich zu wehren versteht!"

... link (0 Kommentare)   ... comment