Dienstag, 13. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -100-
"Den Namen unseres Ortes...?" fragt ein junger Mann.

Ich lächele und erkläre: "Im Niederdeutschen des frühen Mittelalters bedeutete 'Holt' Hölzer/Wald. 'Hagen' hieß ein Gehege, also ein eingezäunter Bereich. Damit die Tiere bei jedem Wetter in ihrem angestammten Lebensraum leben können, muss er natürlich eingezäunt werden. Sonst bekommen wir bald Ärger mit den umliegenden Bauern."

"Okay."

*

In den darauffolgenden Tagen buche ich einen Flug ab Düsseldorf nach Dhakar. Zehn Tage später lasse ich mich mit Ruri-chan von unserem Elektromeister Herrn Vogt mit seinem Lieferwagen zum Flughafen nach Düsseldorf bringen.

Dies wird unsere zweite größere Auslandsreise, diesmal in ein anderes Umfeld. Die Bangla Deshis sind an die moderne Zivilisation mehr gewöhnt, als die Pemón, die Waldmenschen, in Venezuela. Möglicherweise ist die Verständigung dadurch einfacher, wenn man von der Sprache einmal absieht. Ich denke, dass sich mindestens die Funktionsträger auf Englisch verständigen können.

'Ich muss nicht auch noch Bengali lernen!' denke ich mir.

Es wird ein zehnstündiger Flug bis wir in Dhaka landen. Vorausschauend habe ich zwei Nächte in einem Hotel gebucht. Wir fliegen um 18 Uhr Mitteleuropäischer Zeit los und sind wegen der Zeitverschiebung erst um 10 Uhr Ortszeit des nächsten Tages dort. Das erste, was wir nach dem Einchecken im Hotel tun, ist schlafen. So sind wir um Mitternacht wieder hellwach.

Wir haben beim Einchecken um einen Mitternachtsimbiss gebeten, so können wir erst einmal ausgiebig unseren Hunger stillen. Bis zum Frühstück gegen neun Uhr verbringen wir die Zeit kuschelnd faul im Bett. Nach dem Frühstück fragen wir nach einem Guide für einen Städtetrip durch die Hauptstadt.

An der Rezeption vermittelt man uns einen Rikschafahrer, der uns aus dem modernen neuen Dhaka auch in die Altstadt fährt und viel erklärt. Wir sehen die Baitul Mukarram Moschee und den Nawab Palast, den früheren Königspalast. Er ist als Ahsan Manzil -Rosa Palast- bekannt. Der Rikschafahrer führt uns auch in ein Restaurant und ich zahle sein Menu natürlich mit.

Anschließend machen wir eine einstündige Fahrt auf dem Fluss Buriganga Sadarghat mit, an dem Dhaka liegt. Danach besichtigen wir das Lalbagh Fort, die Stern Moschee und eine Kirche der armenisch orthodoxen Konfession am Ort.

Vor allem vor der großen Moschee liegen viele verkrüppelten Bettler auf dem Boden, die einen rhythmischen Singsang aufführen, vermutlich Gebete. Sie verlangen, fast aggressiv, von den Vorübergehenden Geld. Die mildtätigen Moslems geben reichlich. Gedankt wird den edlen Spendern nicht, ist es doch die Pflicht jeden Moslems, die unschuldig in Not geratenen Armen zu unterstützen.
Am Nachmittag besichtigen wir, geführt von unserem Rikschafahrer, den Dhakeshwari Tempel, die Curzon Hall, die Universität von Dhaka und das Parlamentsgebäude.

Am Abend, wieder zurück im Hotel, buchen wir für den folgenden Tag eine Flussreise ins Delta der drei Flüsse in die Nähe des Sundarban-Nationalparks. Dazu steigen wir am nächsten Tag auf ein Flussschiff, dass mich an diese offenen Flussschiffe auf dem Amazonas erinnert.

Aberhundert Wasserarme durchziehen das nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegende Schwemmland. Der südliche Teil dieses Deltas ist ein Naturreservat, in dem auch der bengalische Tiger herumstreift. Es wird von den Einheimischen Sundarbans -schöner Wald- genannt.

Nach der Abfahrt können wir auf ein Signal hin unser Frühstück abholen und auf den Schiffsplanken essen. Eigene Kabinen gibt es auf dem Schiff nur in der ersten Klasse. Im Verlauf der Reise haben wir festgestellt, dass es Fisch zusammen mit Reis zu allen drei Mahlzeiten gibt. Selbst Gemüse scheint es außerhalb der Hauptstadt nur selten zu geben.

Der Fluss wird schnell immer breiter, so dass man auf der linken Seite bald gar kein Ufer mehr sehen kann. Das abgesteckte Fahrwasser ist sehr belebt. Segel- und motorgetriebene Fischkutter und Lastkähne, kleine und große Fähren und eine Unzahl kleiner geruderter Fischerboote begegnen uns unterwegs.

Gegen Sonnenuntergang sucht der Kapitän eine Ankerstelle mitten auf dem Wasser und die Mannschaft verteilt Hängematten. Wir machen sie nebeneinander an Ösen fest. Am nächsten Tag navigiert der Kapitän das Schiff durch kleinere Wasserarme. Wieder übernachten wir an einem Ankerplatz mitten in der Natur.

Am darauffolgenden Vormittag erreichen wir das Städtchen Barisal. Passagiere steigen aus und ein. Fracht, vor allem Lebensmittel, Wasser und Treibstoff wird übernommen. Am Nachmittag geht es weiter. Wenige Stunden darauf wird wieder geankert und wir übernachten ein drittes Mal in den Hängematten des Schiffes. Gegen Mittag des folgenden Tages sollen wir Khulna erreichen, unseren Zielhafen.

Das Schwemmland, das wir in den vergangenen Tagen durchquert haben, ist zum größten Teil dicht mit Feldern, Kokospalmen und Dörfern kultiviert worden. Erst in der Nähe von Khulna zeigen sich größere Waldflächen. Mäandernde Wasserläufe haben wir unterwegs in verwirrender Menge gesehen und überall sind Boote gerudert, gestakt oder gesegelt worden.

Viele der Dörfer kann man sicher nur über diese Wasserwege erreichen. Für die Bauern sind mit Sicherheit die Fische und Wassertiere in den zahllosen Wasserarmen eine unverzichtbare Proteinquelle.

Die drei Flüsse Ganges, Brahmaputra und Meghna teilen sich in Bangladesch in so viele Arme auf, dass es für uns kaum möglich ist zu sagen, woher der Wasserarm sein Wasser bezieht, den man gerade befährt. Zahllose Wasserläufe des Ganges streben im Delta nach Süden. Nach der Vereinigung des Ganges mit dem Brahmaputra heißen beide hier Padma. Auch dieser schickt unzählige kleine und größere Seitenarme in südlicher Richtung ins Schwemmland. Vom Meghna schließlich zweigen noch einmal Wasserarme in westlicher Richtung ab.

Außer der lokalen Bevölkerung hat wohl niemand eine Ahnung, wohin all die tausende Wasserwege führen. Selbst Satellitenkarten können nur Momentaufnahmen sein, da der nächste Monsun schon wieder alles verändert.

In Khulna sollen wir mit Chandan Naresh zusammentreffen, dem Sohn des Ortsvorstehers von Prabal Jagan, hat es geheißen. Aber schon am Vormittag, vielleicht anderthalb Stunden vor Erreichen unseres Zielhafens steuert ein Schilfboot mit einem Baldachin auf unser Schiff zu.

Es besteht aus drei Schwimmkörpern, die ich als verlängerte 'Pferdchen' wiedererkenne, wie sie von den Quetchua auf dem Titicaca-See auch einzeln benutzt werden. Auf diesen drei 'Pferdchen' liegt eine überdachte Plattform aus Bambus. Je vier Paddler knien auf den seitlichen 'Pferdchen' und bewegen das Schilfboot mit Stechpaddeln fort.

Wir verlassen das Schiff und steigen auf das Schilfboot über, nachdem der Kapitän die Motoren gestoppt hat.

"Subha dina mi -Guten Tag, Herr- Schmidt," begrüßt mich Chandan Naresh, freundlich lächelnd, während zwei der Paddler unser Gepäck annehmen und verstauen.

"Hello Mister Naresh," gebe ich den Gruß lächelnd zurück und bitte um eine Verständigung auf Englisch, da ich des Bengali nicht mächtig bin.

Er registriert es lächelnd, nickt und bietet uns Platz an:
"Sit down, please -Setzen Sie sich, bitte."

Ich setze mich auf der in der leichten Dünung schwankenden Plattform im Schneidersitz auf den Boden. Ruri-chan kniet an meiner Seite in den Seiza nieder. Chandan Naresh gibt das Startzeichen und setzt sich uns gegenüber an den niedrigen Tisch mit vielen Schnitzereien. Eine Inderin mit Nasenschmuck und Halsreifen holt an einer Leine einen kleinen Kanister aus dem Wasser und wischt ihn trocken. Dann füllt sie einen Becher mit dem Kanisterinhalt, der eine gelb-grüne Farbe hat.

Mein Stirnrunzeln bringt Chandan Naresh zum Schmunzeln.

"Das ist Tee, Master Schmidt - durch Flusswasser gekühlt."

"Ah," gebe ich lächelnd zurück.

Sie reicht den Becher an unseren Gastgeber, indem sie ihre Arme lang macht und zu Boden schaut. Dieser reicht ihn an mich weiter und ich gebe ihn Ruri-chan. Inzwischen hat die junge Frau einen weiteren Becher gefüllt, den Chandan Naresh auch an mich weitergibt. Den dritten Becher, den sie ihm gefüllt reicht, gibt er ihr zurück. Sie klemmt ihn zwischen ihre Knie, während sie einen vierten Becher füllt, den er in seiner Hand behält. Nun trinken wir einen Schluck herrlich kühlen Tee.

"Auf die Natur und den neuen Ort Prabal Jagan - mächtige Natur-," sagt er.

"Auf die Natur und den neuen Ort Prabal Jagan," wiederhole ich und proste ihm zu.

Ruri-chan und Chandan Nareshs Magd trinken nun auch. Nachdem wir etwa zwei Stunden durch schmale schilffreie Wasserläufe gepaddelt worden sind, erreichen wir eine Schilfinsel.

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