Freitag, 9. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -98-
"Es ist auch nicht wichtig," wiegelt er ab. "Ich glaube jedenfalls, wir haben den Stein bereits."

"Konnichiwa -Guten Tag-, meine Freunde!" Der Magier kommt freudestrahlend auf uns zu. "Wie hat euch meine Vorstellung gefallen? Ich fand sie großartig, brillant, unvergleichlich!"

"Mehr nicht?" frage ich zurück.

Es klingt enttäuscht, verletzt.

"Besser als das, falls das möglich ist," sagt Igarashi-San.

"Hm," mache ich. "Wirst du es noch einmal versuchen, den Bunrei von Shikafodo in deinen Besitz zu bringen?"

"Warum?" fragt mich der Magier.

"Warum?" äffe ich ihn mit ärgerlichem Gesicht nach.

"Er hat ihn doch schon," wirft da der Händler ein.

Der Magier öffnet kurz seinen Umhang.

"Ist das der Bunrei?" flüstere ich andächtig.

"Das will ich doch hoffen!" meint Igarashi-San.

"Er hat es während des Niesens gemacht!" erklärt mir der Händler.

"Ich muss dir danken! Im Namen aller Einwohner von Shikafodo danke ich dir, edler Igarashi-San!"

"Ich glaube," sagt der Händler an den Magier gewandt, "du solltest dich darauf vorbereiten, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen!"

"Iie, kyode wa arimasen -Nein, heute noch nicht!" erwidert dieser.

"Noch heute Abend!" bekräftige ich.

Igarashi-San schüttelt den Kopf.

"Iya," erklärt der Magier. "Morgen Abend ist besser. Sollte man den Austausch heute entdecken und ich den Ort an selben Tag verlassen, würde das als ein zu unwahrscheinlicher Zufall gelten. Man würde zu dem Schluss kommen, dass ich mich auf der Flucht befinde."

"Da hat er natürlich recht," bestätigt der Händler.

Ich habe den Stein übernommen und in meiner Hosentasche verschwinden lassen. Wir gehen zum Lieferwagen zurück. Dort treffen wir auf Osawa-San. Er lässt sich den Hergang genau erzählen. Danach sagt er:

"Ich werde meine Leute rufen und sie draußen vor dem Ort treffen. Gebt mir den Bunrei. Ich bringe ihn zum nächsten Schrein. Dort wurde er sicher von einem Shinto-Priester geweiht, bevor er euer Bunrei werden konnte. Dieser wird den Kami in einer Zeremonie besänftigen. Danach bringe ich ihn nach Shikafodo zurück. Sie fahren von Ort zu Ort, verkaufen ihre Waren und wenn Sie Shikafodo erreichen ist der Bunrei wieder an seinem Platz!"

Der Händler nickt und ich gebe schweren Herzens unseren Bunrei wieder aus der Hand.

"Wenn der falsche Bunrei ein gutes Duplikat ist, fällt es möglicherweise niemals auf," meine ich.

"Man wird den Austausch sicherlich früher oder später entdecken," entgegnet mir Kamaya-San.

Ich schaue ihn überrascht an.

"Du würdest auch nicht wollen, dass das Duplikat ein perfektes Duplikat wäre," erklärt er mir. "Wenn es so wäre, könnten Botan-kun und seine Kumpane immer behaupten, es sei der Bunrei von Shikafodo. Sie könnten sogar die Echtheit des Steins, der in Shikafodo auftaucht, in Frage stellen."

Ich schüttele staunend den Kopf.

"Es muss allen klar sein, dass man ihnen den echten Bunrei unter der Nase weggeschnappt hat! Es gibt viele kleine Unterschiede zwischen dem Original und der Kopie: Der Stein ist flach. Auf der Unterseite der Fälschung hat Igarashi-San auf mein Anraten hin eine Botschaft eingeritzt."

"Welche Botschaft?" frage ich.

"Dort steht 'Ich bin nicht der Bunrei von Shikafodo'! Außerdem steht dort 'Verflucht sei Botan, der Frevler'."

Erschrocken flüstere ich:
"Wir sollten so schnell wie möglich hier verschwinden!"

"Sachte, sachte, mein junger Freund. Hast du nicht zugehört, was der große Igarashi-San sagte: Fahren wir heute und der Austausch würde früh entdeckt, käme das doch einer Flucht gleich! Stattdessen fahren wir morgen wie üblich. Sollte man uns aufhalten, darf man uns gerne durchsuchen, denn wir sind nicht im Besitz des Steins! Wir haben mit dem Austausch nicht das Mindeste zu tun!"

"Ich hoffe, dass Osawa-San unbehelligt bleibt!"

"Das wird er, Akio-kun! Das wird er! Sollte er doch aufgehalten werden, kann er sich gegen fünf oder mehr junge Heißsporne sehr gut wehren. Er entstammt einem alten Samurai-Geschlecht."

*

Wir Japaner glauben, dass alles, was uns umgibt, etwas Göttliches beinhaltet. Wir müssen alles an Ort und Stelle lassen, denn sonst könnte der göttliche Inhalt, den wir 'Kami' nennen, uns Unglück bringen.

Nun haben Touristen oftmals die Angewohnheit, etwas von ihrem Besuchsort mitzunehmen, um sich später an die Reise zu erinnern. Wenn es sich um einen Stein vom Gelände eines Schreins handelt, kann der Shintopriester des Schreins den Kami in einer mitternächtlichen Zeremonie bitten, auch den Stein als seine Wohnstatt anzunehmen. Nun kann derjenige, der diesen Stein nachhause bringen will, ihm in seinem Heim einen Ehrenplatz geben und ihn dort als 'Bunrei' verehren.

Die Bunrei belässt man in ihrem Ursprungszustand. Man 'verschönert' sie nicht unter einer Schleifmaschine, bringt keine Verzierungen an, weil das den Kami beleidigen würde. Auf diese Art drückt man aus, dass alles in der Natur aus sich heraus kostbar und wunderschön ist, ein Flusskiesel, die Blätter eines Baumes, die Farben der Blüten, die Welt.

Nun habe ich einen Bunrei in meiner Verwahrung, der gefrevelt worden ist. Seinen Dieben ist irgendwann die Rache des Kamis sicher. Damit die Rache nicht auch noch die Dorfbewohner trifft, damit sie wieder in seiner Nähe feiern, sich beraten und zu Gericht sitzen können, bin ich zum Schrein aufgebrochen, in dessen Bezirk das Dorf liegt.

Der dortige Shintopriester hört mich an und verspricht mir, dass der Kami besänftigt ist und weiterhin über die Dorfbewohner wacht, wenn ich den Stein am nächsten Tag abhole und zu den Leuten bringe. Er wird um Mitternacht den Kami des Schreins um Hilfe bitten.

Am nächsten Tag übernehme ich den Stein und übergebe dem Schreinpriester zum Dank eine hohe Spende. Dann fahre ich per Mitfahrgelegenheit etappenweise nach Shikafodo. Dort läute ich am Eingang des Hauses von Bauernführer Kawazu-San.

Eine Frau in meinem Alter öffnet.
"Konnichiwa irasshaimaseeee -Guten Tag, willkommen-! Darf ich den Grund Ihres Besuches erfahren?"

"Hajimemashite -schön, Sie zu treffen. Osawa Daiki to iimasu -mein Name ist Daiki Osawa-. Ich bin in einem wichtigen Auftrag unterwegs und muss dringend Kawazu-San sprechen."

"Kawazu-San ist momentan auf den Feldern. Kommen Sie doch gerne herein und ruhen sich ein wenig bei Tee von ihrer Reise aus. Ich werde nach dem Herrn schicken lassen!"

Ich betrete das Haus und sage:
"O-jama shimasu -Ich störe jetzt-."

Jetzt wechsele ich meine Schuhe gegen bereitstehende Hauspantoffeln und folge der Ushiro madama -Gnädige von hinten (Hausfrau)- in den Wohnraum. Sie bietet mir einen Platz am Tisch an:

"Kochira e douzo -Bitte setzen Sie sich hier hin-."

Dann bringt sie eine Kanne Tee und eine Schale Gebäck. Sie schenkt mir ein Schälchen Tee aus und entschuldigt sich dann, dass sie jemand den Auftrag geben will, Kawazu-San herbei zu holen.

Wenige Minuten später ist sie zurück und fragt mich, ob ich noch etwas möchte. Ich verneine durch wedeln der erhobenen flachen Hand, wobei ich sie anlächele.

Es dauert eine halbe Stunde, bis der Hausherr den Wohnraum betritt. Ich erhebe mich und verbeuge mich vor ihm. Noch einmal nenne ich meinen Namen und sage, dass ich in einer wichtigen Mission unterwegs bin. Ich greife in meine Tasche und nehme den Bunrei von Shikafodo heraus. Nun strecke ich ihm meine offene Hand hin. Kawazu-Sans Augen beginnen zu leuchten. Er dreht den Stein, um ihn von allen Seiten zu betrachten. Dann fragt er:

"Wie sind Sie in den Besitz des Steins gelangt?"

Ich berichte ihm von Kamaya-San, Igarashi-San und Akio-kun. In der Zwischenzeit hat er mir wieder Platz angeboten und setzt sich mir gegenüber.

"Frau!" ruft er und auch die Hausherrin gesellt sich zu uns. Sie schenkt ihrem Ehemann eine Schale Tee aus, die dieser vor sie stellt. Erst die zweite Schale nimmt er an und führt sie an seinen Mund.

Anschließend erzähle ich ihm von meiner Reise zum Shinto-Schrein und von dort hierher nach Shikafodo, um den Bunrei in die rechtmäßigen Hände zu geben.

Kawazu-San hört aufmerksam zu, um dann zu versichern:

"Wir werden den Stein so sichern, dass niemand ihn jemals wieder entwenden kann! Haben Sie vielen Dank für alles, Osawa-Sama!"

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