Mittwoch, 7. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -97-
"Willst du den Bunrei mit Magie oder durch einen Zaubertrick in deinen Besitz bringen?" will ich nun doch wissen.

"Da habe ich mich noch nicht entschieden," meint Igarashi-San. "Was wäre dir lieber?"

"Ich weiß nicht," meine ich unsicher. "Das wirst du sicher situationsbedingt entscheiden."

"Genauso werde ich es machen!" sagt Igarashi-San lächelnd. "Es ist das Mindeste, was ich für einen Freund tun kann."

"Wir möchten uns vielmals dafür bedanken, und dir eine kleine unbedeutende Spende für die Kunst übergeben," sagt mein Begleiter zum Magier.

Kamaya-San überreicht Igarashi-San einen Bündel Yen-Scheine, die dieser lächelnd einsteckt. Dabei holt er eine Geldbörse in schwarz gefärbtem Leder aus seiner Kleidung und hält sie mir hin.

"In diesem Fall gebe ich dir gerne deine Geldbörse zurück, mein junger Freund," sagt er lächelnd. "Es ist noch alles darinnen."

"Wir sollten nun aufbrechen," sagt mein Begleiter und erhebt sich.

Der Magier erhebt sich ebenfalls, um uns zur Tür zu begleiten. Ich folge den Männern.

"O-jama shimashita -Ich habe gestört-," sagt Kamaya-San zum Abschied. "Oyasumi nasai -Gute Nacht."

Nachdem wir wieder in unsere Straßenschuhe gewechselt sind, gehen wir die knarzenden Stufen der Treppe hinunter und verlassen die Herberge. Anschließend legen wir uns in den von uns gemieteten Gästezimmern, über dem Schankraum der Gaststätte schlafen. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen fährt der Händler mit mir und der neuen Ladung aus der Stadt heraus.

Auf dem Weg ins nächste Dorf führt Kamaya-San wieder ein Telefongespräch. Dies hat zur Folge, dass wir zwei Dörfer weiter und vier Tage später unterwegs einen Hubschrauber hören. Neugierig schaue ich aus dem Seitenfenster des Lieferwagens und sehe bald, wie sich eine riesige Drohne - oder was es ist - zwischen den Baumwipfeln zeigt und danach vor uns auf der Landstraße landet.

Der Händler stoppt seinen Wagen, verlässt ihn und geht auf den riesigen Quadrokopter zu. Dort schiebt jemand die Verglasung zurück und kurz darauf steigt ein Mann in traditioneller Kleidung aus. Sofort schließt sich das Cockpit wieder und das Fluggerät startet. Der Mann trägt eine weite graue Hose mit Längsfalten, ein weißes Hemd und eine ärmellose Weste.

Kamaya-San begrüßt den Mann mit einer tiefen Verbeugung und lädt ihn mit einer Handbewegung ein, zum Lieferwagen zu kommen. Er öffnet die Beifahrertür und bittet mich, ein wenig zur Seite zu rutschen, damit der Gast auch einen Sitzplatz hat.

Danach macht er uns miteinander bekannt:
"Akio-kun, dies ist Osawa-San, der Sohn des Hyogi-in -Ratsherrn- von Bunrei no Shima. Ehrenwerter Osawa-San, dies ist Akio-kun, der Sohn eines Bauern von Shikafodo -Rehfurt-, dessen Bunrei entwendet wurde."

Ich verneige mich und lasse den Mann sich neben mich setzen. Von solch einer Insel habe ich noch nie gehört. In seinem Gürtel kann ich ein Nunchaku stecken sehen. Dies sind zwei Hölzer, die mit einer kurzen Kette verbunden sind. Ich kenne sie, denn neben den Stäben sind es traditionelle japanische Bauernwaffen, die man ab dem 17. Jahrhundert aus Dreschflegeln entwickelt hat.

Dass der Mann bewaffnet ist, lässt meine Gedanken fliegen. Er kommt von einer Insel des Bunrei... und wir wollen den Bunrei meines Heimatortes zurück erobern.
Aber in den folgenden Tagen fahren wir weiter von Ort zu Ort und verkaufen Waren. Osawa-San hilft tatkräftig mit, so dass ich versuche es ihm gleich zu tun.

Allmählich nähern wir uns dem Ort, an dem Kamaya-San Botan-kun und seine Kumpane zuletzt gesehen hat. Unterwegs sehen wir immer öfter Plakate, auf denen der Magier für seine Show zu Hanami -Kirschblüten-Fest- in der Stadt wirbt und gleichzeitig eine Vorstellung im Dorf ankündigt.

Gut zwei Wochen nach dem Start in der Stadt haben wir das Zieldorf vor uns. Osawa-San steigt aus und will sich dem Dorf zu Fuß nähern. Kamaya-San gibt ihm das Ortungsgerät mit, mit dessen Hilfe wir den Aufenthaltsort des Schmuckkästchens bestimmen können. Als wir in den Ort hineinfahren, sehen wir die Bühne des Magiers auf dem Dorfplatz aufgebaut stehen. Viele Leute sitzen davor und verfolgen die Vorstellung.

*

"Der ehemalige Bunrei von Shikafodo gehört in Ochsenmist gewälzt!" ruft der dicke Mann lautstark.

Er nimmt den unscheinbaren Stein aus dem Schmuckkästchen und hält ihn hoch, dass die anwesenden Jünglinge in der Hütte alles genau sehen können. Die umstehenden Burschen lachen. Sie feuern ihn noch weiter an. Der Mann, der im Ort gerade Zauberkunststücke vorführt, hat sich von einem der Jünglinge in die Hütte führen lassen, um sich den Bunrei zeigen zu lassen. Nun ergeht er sich noch in weiteren Beschimpfungen, während er sich den Stein von allen Seiten anschaut. Dann legt er ihn zurück und reicht das Schmuckkästchen dem Anführer der jungen Truppe, der es schließt und in das Regal zurücksetzt.

"Du siehst, ich habe nicht gelogen!" sagt der junge Anführer. "Wir werden bald einen eigenen Ort gründen und den Stein zu UNSEREN Bunrei machen, zur Schmach für Shikafodo -Rehfurt-."

"Ich muss sagen, das war ein richtiges Husarenstück!" lobt der Magier.

Botan-kun fühlt sich gebauchpinselt und lächelt. Igarashi-San fragt:

"Möchtest du nicht morgen mit dem Stein in einer Vorstellung auftreten, zu einer öffentlichen Schmähung?"

Die umstehenden Jünglinge rufen "Hai! Hai! Hai, hai!" Also stimmt Botan-kun zu.

Am folgenden Tag strömen die Bauern zur Abschiedsvorstellung. Tags darauf will der Magier schon im nächsten Ort sein. Nach der Vorstellung ruft Igarashi-San Botan-kun auf die Bühne und lässt sich das Schmuckkästchen geben. Kamaya-San mischt sich unter die Zuschauer. Auch ich will sehen, was der Magier mit unserem Bunrei macht.

Er nimmt den Stein aus dem Kästchen und gibt Botan-kun das leere Kästchen zurück. Dann hält er den Stein hoch und schmäht ihn. Die Bauern schweigen betreten, während die Jünglinge im Publikum klatschen und johlen. Sie rufen:

"Mehr! Mehr!"

"Ich muss ihn umbringen!" entfährt es mir.

"Das ist nicht nötig," versichert mir Kamaya-San, der Händler.

"Das verlangt die Ehre!" erkläre ich.

"Pst!" sagt ein Bauer in unserer Nähe. "Ich will das hören."

Ich fühle, dass der Händler mich locker am Gürtel packt.

"Würdest du mich bitte loslassen?" verlange ich höflich.

"Aber ja, nur jetzt noch nicht," entgegnet er mir.

Der Magier dreht den Kopf zur Seite und niest. Dabei angelt er nach einem leinenen Taschentuch. Danach fragt er Botan-kun:

"Würdest du mir bitte das Schmuckkästchen reichen?"

Der Magier legt den Stein zurück und schließt das Kästchen.

"Dieses widerwärtige Stück Kies hier ist eher ein passender Bunrei für Verbrecher und Feiglinge! Nimm es und werfe es in den nächsten Wasserlauf," sagt er lächelnd zu Botan-kun.

Anschließend verbeugt er sich zum Publikum hin und weist noch einmal auf seine große Vorstellung zu Hanami in der Stadt hin. Dabei geht er von einer Bühnenseite zur Anderen. Botan-kun verlässt die Bühne und geht mit seinen Kumpels lachend und schwatzend zu seiner Hütte zurück. Zur gleichen Zeit erhebt sich ein Bauer nach dem Anderen, um wieder seiner Arbeit nachzugehen.

Auch wir gehen zu unserem Lieferwagen zurück. Unterwegs bleibe ich stehen und sage:

"Wir müssen zu der Hütte und ihnen den Stein mit Gewalt abnehmen!"

"Das haben wir doch schon besprochen!" widerspricht mir der Händler. "Das ist keine gute Idee."

"Wir müssen den Stein haben!" beharre ich. "Ich werde diesen Ort nicht ohne ihn verlassen!"

"Woher willst du eigentlich wissen, dass wir den Stein nicht schon längst haben?" fragt mich Kamaya-San.

"Ich bin in dieser Angelegenheit nicht zu Scherzen aufgelegt!" erwidere ich ärgerlich.

"Ich mache keinen Scherz."

"Ich habe alles gesehen," sage ich. "Ich habe es sehr genau beobachtet. Ich habe ihn nicht aus den Augen gelassen. Nichts ist mir entgangen. Nichts, nicht einmal die kleinste Geste!"

"Du hast sicher aufmerksamer zugesehen als jeder andere," gesteht mir der Händler zu. "Aber vielleicht hast du ja nicht so sorgfältig hingesehen, wie du glaubst."

Ich schüttele den Kopf.

"Das kann nicht sein. Ich habe sehr sorgfältig hingesehen."

"Aber möglicherweise hast du zur falschen Zeit die falsche Stelle beobachtet," meint Kamaya-San.

"Ich verstehe dich nicht," antworte ich und schaue ihn unsicher an.

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