Donnerstag, 1. Juli 2021
Yamato Nadeshiko -94-
"Entfacht das Dorffeuer!" befiehlt Kawazu-San und kommt langsam die Stufen herunter. Männer eilen los.

Mein Herr macht seinen Oberkörper frei. Dann bewegt er prüfend die Muskeln. Botan-San traf ähnliche Vorbereitungen.

Mein Herr nähert sich mir und hebt mich an den Armen hoch.

"Geschieht all dies wegen deiner Schönheit, kleine Magd?" fragt er.

Ich fühle mich so elend, dass ich ihm nicht antworten kann. Ich schlage die Augen nieder.

"Iie -Nein-," gibt mein Herr sich selbst die Antwort. "Soreijodesu -Es geht um mehr-."

Er setzt mich auf die Plattform des Hauses und streicht mir meine Haare zart aus dem Gesicht. Ich bin ihm dankbar für seine Fürsorge. Da ich den Kampf miterleben möchte, setze ich mich in Position.

"Botan-kun, bist du bereit?" fragt mein Herr in diesem Augenblick.

Die Dorfbewohner haben eine kreisförmige Fläche freigemacht. Das Feuer lodert. Man kann gut sehen.

"Brauchst du denn gar keinen Stab?" fragt Botan-San jetzt grinsend.

"Mag sein," meint Kawazu-San und beobachtet Botan-Sans Kumpels. "Diese Burschen mischen sich hoffentlich nicht in den Kampf ein!?"

"Ich verstehe mich auch allein darauf, einen bequem gewordenen Burschen wie dich in die Disziplin zu nehmen," antwortet Botan-San grinsend.

"Das mag vielleicht sein," räumt Kawazu-San ein.

"Du brauchst einen Stab!" stellt Botan-San fest.

"Hai -Ja-," sagt Kawazu-San und wendet sich an einen der Kumpels von Botan-San: "Schlag nach mir!"

Der junge Mann grinst und holt zu einem Hieb aus. Im richtigen Moment greift mein Herr zu und zieht mit der Stärke eines Bären den jungen Mann auf sich zu. Gleichzeitig tritt er den Jüngling kräftig in die Zähne. Botan-Sans Kumpan taumelt gurgelnd zurück. Blut läuft ihm aus Nase und Mund. Seinen Stab liegt nun in den Händen meines Herrn. Zähne liegen im Staub. Benommen setzt sich der junge Mann auf den Boden.

"Mit einem guten Stab," rezitiert mein Herr, "muss man stoßen können..."

Bei diesen Worten schaut er auf einen weiteren jungen Mann, während er gleichzeitig einem anderen die Stabspitze energisch in die Rippen stößt.

"Hauen muss man damit auch können," fährt er fort und schlägt auf einen Burschen ein, der ungläubig auf seinen zu Boden sinkenden Freund starrt.

Auch dieser geht mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie. Bestimmt hat mein Herr ihm etliche Rippen gebrochen hat.

"Außerdem," meint mein Herr, "muss ein guter Stab einiges aushalten können."

Neben Botan-San steht nur noch ein junger Mann. Beide sind ganz auf Kawazu-San fixiert.

"Greif mich doch an," fordert mein Herr den Jüngling neben Botan-San auf.

Zornig stürmt der Bursche los. Im nächsten Augenblick ist mein Herr hinter ihm und zerbricht den Stab mit einem mächtigen Schlag auf dessen Rücken. Der Angreifer liegt scheinbar bewusstlos am Boden.

"Dieser Stab," doziert mein Herr, "war nicht stark genug."

Er deutete auf den Mann am Boden.

"Ihm wurde noch nicht mal das Rückgrat gebrochen. Auf so eine Waffe kann man sich im Kampf nicht verlassen!" ergänzt er.

Er wendet sich an einen der Bauern, die den Kampfplatz säumen: "Gib mir einen neuen Stab."

Von den fünf jungen Männern ist nur einer, Botan-San, übriggeblieben. Mein Herr deutet auf die Herumliegenden.

"Die werden sich nun hoffentlich nicht in den Kampf einmischen!" sagt er.

"Du bist sehr geschickt, Kawazu-San," sagt Botan-San und hebt seinen Stab.

"Es tut mir leid, dass ich dir das antun muss," antwortet mein Herr. "Ich hatte wirklich geglaubt, dass du das Zeug zum Dorfführer hättest."

"Ich bin hier der Bauernführer," beharrt Botan-San.

"Du bist der junge Botan-kun," antwortet ihm mein Herr. "Du hättest warten sollen. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Ein Bauernführer muss viele Dinge kennen, die er erst durch jahrelange Praxis erlernt - Dinge über das Wetter, die Ernte, die Tiere, die anderen Menschen. Das Amt des Dorfführers ist nicht einfach."

Mein Atem stockt, denn mein Herr wendet sich mit gesenktem Kopf von Botan-San ab und macht Anstalten, seine Sandale zuzuschnüren. Dieser zögert nur einen Moment, dann schlägt er meinem Herrn seinen Stab über die zur Seite gedrehte Schulter. Es sieht aus, als hätte er auf einen Felsbrocken eingeschlagen. Botan-San tritt zurück.

"Ein Bauernführer muss außerdem stark sein," fährt mein Herr fort und richtet sich auf. "Nur so gewinnt er den Respekt der Bauern."

Aus dem Gesicht Botan-Sans ist sämtliches Blut gewichen. Mein Herr meint in ruhigem Ton:

"Jetzt wollen wir kämpfen!"

Die Beiden beginnen sofort mit ihren schnellen Stäben zu schlagen, und zu versuchen sich dabei auszumanövrieren. Holz dröhnt auf Holz. Staub steigt um die Füße der Männer auf. Schläge werden eingeleitet und blitzschnell pariert.

Botan-San stellt sich nicht ungeschickt an, doch gegen Kawazu-San kommt er nicht an. Blutüberströmt und erschöpft liegt er schließlich zu Füßen meines Herrn. Mit glasigen Augen blickt er zum Dorfführer empor.
Seine Kumpel haben sich inzwischen einigermaßen erholt. Sie greifen nun nach ihren Stäben und rücken näher heran.

"Schlagt ihn!" krächzt Botan-San am Boden.

Die jungen Männer heben ihre Stangen, um meinen Herrn zu bestürmen, der sich kampfbereit herumdreht. Ich habe mich während des Kampfes erhoben und ins Haus zurückgezogen. Dort bin ich zum Hinterausgang und dort zum Wolfsgehege. Ich rufe leise nach dem Alpha-Paar, das mich kennt, und gebe ihnen Fleisch, wie so oft schon. Sie lassen mich ins Gehege und sich anleinen.

Ich verlasse mit den Beiden das Gehege und schließe die Tür hinter mir mit einem Pflock. Die Beiden sind unruhig und drängen vor, so dass ich Mühe habe sie zu bändigen. Wir umrunden das Haus meines Herrn und kommen gerade recht.

"Yameru -Halt-!" rufe ich laut.

Gleichzeitig heulen beide Wölfe auf und wollen sich auf die Angreifer stürzen. Die Zuschauer ziehen sich fluchtartig zurück. Die Tiere stemmen sich in ihre Halsbänder, versuchen mit blitzenden Augen vorwärts zu kommen.

"Der erste Mann, der sich bewegt, muss mit einem Wolf kämpfen!" rufe ich erregt und stemme mich gegen den Zug der Tiere.

Die jungen Männer weichen zurück. Die Herrin schreit wütend auf.

"Werft die Stäbe fort!" befiehlt Kawazu-San.

Die jungen Männer gehorchen, wobei sie die Wölfe nicht aus den Augen lassen. Wölfe haben in der japanischen Mythologie einen guten Ruf. Sie stehen Menschen bei, die Hilfe benötigen und selbst ohne Fehl sind. Gleichzeitig haben Menschen, die bösartig handeln, ein Problem.

"Sie ist doch nur eine Magd!" ruft die Herrin, und zu mir gewandt: "Wie kannst du es wagen, dich einzumischen?"

Kawazu-San reagiert nicht auf den Zwischenruf.

"Hoch mit dir, Botan-kun!" befiehlt er stattdessen.

Taumelnd kommt der junge Mann auf die Füße. Er verlässt Shikafodo als ein geschlagener Mann.

"Wer will, kann ihm folgen!" sagt mein Herr zu den jungen Männern, die sich mit ihm zusammengetan haben.

Sie schleichen hinter ihrem Rädelsführer her.

Die Ushiro madama -die 'Gnädige von hinten'-, meine Herrin hat sich ins Haus zurückgezogen. Mein Herr ruft sie heraus. Er nimmt mir die Wölfe ab und pflockt sie an. Dann nimmt er mir den Halsreifen ab. Ergriffen falle ich vor ihm auf die Knie und verbeuge mich tief.

"Bringt einen Käfig!" befiehlt er einigen Umstehenden. Sie verlassen die Gruppe.

Kawazu-San geht auf seine Gefährtin zu.

"Auf die Knie!" herrscht er sie an.

"Shinaide kudasai -Bitte nicht-!" fleht sie. "Lieber schere mir die Haare ab und schicke mich unehrenhaft in das Dorf meines Vaters zurück!"

Mit einer heftigen Bewegung reißt er ihr das Nachtgewand vom Leib und legt ihr den Halsreifen an. Furchtsam blickt sie auf Kawazu-San.

"In den Käfig mit dir, Magd!" sagt mein Herr.

"Ja... Herr," flüstert sie und kriecht in den Käfig, den zwei Männer herbeigetragen haben. Der Herr verschließt ihn.

"Wir wollen feiern!" ruft Kawazu-San, Bauernführer von Shikafodo.

Die Dorfbewohner ergehen sich in 'Hoch'-Rufen.

Männer und Frauen eilen herbei und beginnen mit den Vorbereitungen für das Fest.

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