Mittwoch, 9. Juni 2021
Yamato Nadeshiko -83-
"Du hast absolut Recht. Meinst du, das kriege ich wieder hin?"

"Ehrlich?"

"Ehrlich. Bitte."

"Du hast das alles gesagt, ja? Du nennst deinen Freund 'Herr'?"

"Ja."

"Das kann Martina nie akzeptieren. Das schmeißt ihr komplettes Weltbild über den Haufen. Selbst wenn du eine völlig Fremde wärst, aber das bist du nicht."

Ich schweige. Wir stehen schon eine ganze Weile vor einer etwas vergammelten Hausfassade mit überwuchertem Garten. Wir machen keine Anstalten, aus dem Wagen auszusteigen. René, der mich an diesem Tag fast ständig (positiv) überrascht hat, spricht aus, was schon längst meine Überzeugung geworden ist: Da ist nichts mehr zu kitten.

"Das behältst du für dich, was wir gerade besprochen haben, nicht wahr?!"

"Chika-chan, du kannst ganz schön naiv sein. Natürlich sage ich nichts, aber glaubst du denn, nur ich hätte meine Schlüsse gezogen? Ich war sogar noch relativ weit weg. Die sind doch alle inzwischen der Meinung, dass mit dir etwas nicht stimmt. Aber es sind auch deine Freunde. Martina ist eben besonders fanatisch, was solche Dinge angeht. Das muss nicht für alle gelten. Für mich gilt es zum Beispiel nicht. Trotzdem kursieren die wildesten Gerüchte."

"Und was soll ich, deiner Meinung nach, tun?"

"Du kannst gar nichts tun. Lass es einfach auf dich zukommen. Wenn du abhauen willst, solltest du mir nur Bescheid sagen. Du musst mich nämlich noch zu meinem Rad fahren."

Mit dem Gefühl, meinen ersten Freund wieder gewonnen zu haben, betrete ich die Höhle der Löwinnen und Löwen.

Bettina öffnet uns auf unser Klingeln. Ihre Augen werden groß. Sie ist sprachlos. Also umarme ich sie zur Begrüßung. Dann gehen wir ins Wohnzimmer, wo Martina und Peter sitzen und darauf warten, sich endlich über die bereitliegenden Wurst- und Käsebrötchen hermachen zu können.

Absolut synchron sehen sie auf. Ihre Münder stehen offen. Zum Glück habe ich René, der das Schweigen bricht:

"Wo soll ich die Getränkekisten hinstellen?"

Bettina hinter uns antwortet:
"Hier links in die Küche."

Martina steht auf, um mich zu begrüßen:
"Hallo, Chika-chan, wir haben dich vermisst."

Wir geben uns gegenseitig ein Begrüßungsküsschen und setzen uns an den Tisch. René und Bettina, die ihren ersten Schock wohl überwunden hat, kommen auch dazu.

Diesmal ist es Peter, der ein Gespräch sucht:
"Also, nun erzähl mal, Chika-chan! Du willst heiraten..."

"Ja. Und ich wollte Euch einladen. Persönlich."

"Martina und ich haben uns schon überlegt," schaltet sich die wiederbelebte Bettina ein, "wo wir passende Abendkleider herbekommen. Du kennst dich doch bestimmt inzwischen bestens damit aus. Hast du einen Tipp?"

"Ihr müsst Euch wirklich nicht überschlagen," antworte ich vorsichtig, "ein langer Rock und ein Blazer reichen völlig aus."

"Das glaube ich aber kaum," meint Peter, "in diesen Kreisen geht es doch sicher anders zu."

Er ist ein Arschloch und er wird ein Arschloch bleiben, beschließe ich. Auf solche 'Freunde' kann ich gern verzichten.

"Mein zukünftiger Ehemann ist ein einfacher Angestellter... Aber das macht nichts, denn selbst wenn er ein Millionär wäre und ich sagen würde, dass Rock und Blazer reichen, dann reichen Rock und Blazer."

"Ach. Ist das so?"

Das reicht mir. Ich werfe all meine guten Vorsätze über Bord. Wer eine Konfrontation haben will, der soll auch eine bekommen.

"Ich schätze, Ihr habt Euch ein paar falsche Vorstellungen gemacht. Mein Mann ist ein ganz normaler Mensch. Er ist nicht arm, okay. Gibt es daran irgendetwas auszusetzen?"

"Warum reagierst du so empfindlich?" beschwichtigt Bettina, "wir wollen dich doch nur nicht blamieren."

"Nett," erwidere ich, "aber meinst du nicht, dass ich schon selbst weiß, wie ich mich blamieren kann?"

Wieder ist es René, der mir zur Seite springt:
"Ich verstehe das nicht. Chika-chan hat doch gesagt, dass es nicht um Gala-Klamotten geht. Dann ist es doch gut. Vielleicht wäre es fairer, alles was wir so in letzter Zeit hinter Chika-chans Rücken über sie diskutiert haben, einfach mal direkt mit ihr zu besprechen?"

Peter antwortet: "Wieso hinter ihrem Rücken? Sie war doch nicht da."

Ich schüttele den Kopf.
"Tolle Logik, Peter! Ich finde Renés Vorschlag gut. Also - ich bin da. Was wollt ihr wissen?"

"Machst du wieder in der Gruppe mit?"

Das ist Bettina.

"Wenn es ginge, würde ich gerne wieder mitmachen. Leider wohne ich in Japan. Da meine Eltern hier wohnen, sind wir für die Hochzeit nach Düsseldorf gekommen."

Erst einmal Schweigen. Dann sage ich:
"Ihr seid jedenfalls herzlich zu meiner Hochzeit eingeladen. Wer ein Problem damit hat, dass ich eine devote Frau bin und als solche in einer entsprechenden Beziehung lebe, muss natürlich keinen Umgang mit mir pflegen. Ich lade euch ein, meine Freunde zu sein. Entscheidet selbst. Wer etwas über mich und mein Leben erfahren will, kann mich fragen. Das muss reichen. Das mit der Gruppenarbeit lassen wir lieber. - So.
René, sorry, dass ich jetzt schon aufbreche, aber du kannst mitkommen oder dich irgendwie anders später zu deinem Rad bringen lassen. Ich gehe jetzt jedenfalls. Martina, es tut mir leid. Ich lebe in einer anderen Welt als du. Es gibt keine Gemeinsamkeiten mehr. Wenn wir eines Tages neue fänden, wäre das sehr schön. Macht es gut."

Ich stehe auf, gehe in die Garderobe und nehme meine Jacke vom Haken.

"Ich komme mit," sagt René, der mir gefolgt ist.

Dann verlassen wir das Haus.

Ich bin nicht traurig.

Beim Auto angekommen, fragt René: "Was hältst Du davon, wenn wir noch irgendwo einen Kaffee trinken."

"Gute Idee, aber eigentlich habe ich jetzt gar keine große Lust, unter Leute zu gehen. Gegenvorschlag: Du kommst einfach mit zum Hotel. Mein Mann organisiert mit meinen und seinen Eltern gerade den Ablauf des Festes und ist damit vollauf beschäftigt. Später bringe ich dich dann zu deinem Rad."

"Ja, gern."

"Ist das in Ordnung?" frage ich in die Luft hinein.

"Ja, natürlich," ertönt die Stimme meines geliebten Herrn in meinem Ohr. Ich weiß ja, er hat die Ereignisse 'live' verfolgt.

"Was meinst Du?" will René wissen.

"Schon gut," sage ich, "Selbstgespräch."

René blickt mich etwas verständnislos an, aber fragt nicht weiter.

Nach einer Weile sagt er dann: "Du hast dich gut gehalten."

"Findest Du?"

"Auf jeden Fall. Sag' mal: Das, wie du rumläufst, das findest du aber auch selbst toll, oder?"

"Ach, René! Das Äußerliche ist doch nicht alles. Natürlich finde ich das toll! Welche Frau denn nicht? Viel toller finde ich aber, was in mir drin passiert, was sich da verändert hat."

"Das kann man aber leider nicht sehen. Und man kann nur beurteilen, was man sieht."

"Wer will, kann auch sehen, was in mir ist."

"Wie denn? Mir gibst du die Möglichkeit, aber die anderen hatten doch bis jetzt keine Chance."

"Jetzt widersprichst du dir aber."

"Nein, denn in einer Gruppe geht das nicht. Aber wenn du mit Martina oder Bettina allein wärst, könntest du versuchen, mit denen genauso zu reden wie mit mir."

"Hm."

"Wenn du willst."

"Wenn ich will."

Als wir am Hotel angekommen sind, lasse ich den Mietwagen vor der Einfahrt stehen und wir betreten die Eingangshalle.

"Schade, dass man nicht mal sehen kann, wo und wie du wohnst. Trägt deine Wohnung auch in gewisser Weise deine Handschrift?"

"Tja, um mich zu besuchen, müsstest du um die halbe Erde fliegen und dann noch zwei Stunden Zug fahren. Anschließend müsstest du zu unserer Insel übersetzen. Das kostet zwar nicht die Welt, aber es dauert..."

"Ich habe den Segelschein. Eine Weltumsegelung hat mich schon als Jugendlicher gereizt!"

Ich lache. Jeder Mensch ist anders. Mit diesem habe ich einfach Glück gehabt.

... link (0 Kommentare)   ... comment