Samstag, 5. Juni 2021
Yamato Nadeshiko -81-
Ich begreife: Ich will spüren, wie sehr ich seinem Willen unterworfen bin, will die Gewissheit, dass er mit mir tut, was, wann und auf welche Weise auch immer es ihm in den Sinn kommt. Es genügt mir nicht, dass ich meinen Platz im Leben gefunden habe - ich muss es, möglichst immer und jederzeit, auch so empfinden. Dann ist es richtig.

Ich glaube, dass es für ihn nicht leicht ist. Er liebt mich so sehr. Er hat eine wirkliche Meido aus mir gemacht und glaubt wohl nun - genau wie ich anfangs -, damit wäre es gut. Tja. So kann man sich täuschen.

Er hat sehr schnell die richtigen Schlüsse gezogen und sich seiner eigenen Worte erinnert: Dies ist kein Ende, sondern ein Anfang. Ich gehöre meinem Herrn. Ich nehme, was er mir gibt und werde verzichten, wenn er es entzieht. Mit Freude!

Da ich jetzt ganz und gar 'passiv' geworden bin, kann ich nicht mehr selbst meine Rolle wahrnehmen. Ich muss sie zugewiesen bekommen. Das tut mein Herr, indem er nach Belieben über mich verfügt.

So setzen sich allmählich die Teile eines Puzzles zusammen und meine angehende Depression verschwindet wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne zerstreut wird.

Ich bin überglücklich und falle meinem Herrn schon wieder um den Hals. Zurück in der Wohnung hebt er mich auf und trägt mich zu den Futons. Es wird der längste und schönste Verkehr, den ich bis dahin gehabt habe. Ich bin das Gefäß meines Herrn. So soll es von nun an immer sein.

*

Ich sitze mit meinem Herrn im Wohnzimmer, auf der Polstergruppe. Ich habe mich splitternackt hingegossen, während mein Herr mit übereinander geschlagenen Beinen neben mir sitzt. Er sieht toll aus in seinem Hausmantel.

Mit meinen Zehen streiche ich verspielt immer wieder über eine Wade meines Herrn. Ich weiß, dass er das mag.

"Ich würde gern mit dir über unsere Hochzeit sprechen," beginnt er unvermittelt.

"Hai -Ja-?" antworte ich gespannt.

"Ich würde gern wissen, wie du dir das so vorstellst."

"Och," antworte ich augenzwinkernd, "ganz bescheiden. Ohne Firlefanz. Also eine goldene Kutsche mit weißen Pferden wäre ganz nett. Und ein Knabenchor. Nein, Kastraten! Kastraten wären toll. Die singen dann. Und Posaunen oder wenigstens Fanfaren. Und Kameras. Ganz viele Kameras, die das Ereignis in die ganze Welt übertragen. Also im ganz kleinen Rahmen."

"Ach so," sagt mein Herr schmunzelnd und etwas kurzatmig, "ich dachte schon, du wolltest Pomp und Prunk."

"Baaaaango. Watashi janai! -Neeeeeein. Ich doch nicht!-"

"Na gut, dann mache ich einmal einen Vorschlag: Wir fliegen nach Düsseldorf und besuchen deine ehrenwerten Eltern zusammen mit meinen. Dann feiern wir eine traditionelle Hochzeit dort im EKO-Haus. Deine früheren Freunde dürfen gerne auch dabei sein."

*

Wir fliegen also zu viert nach Düsseldorf und fahren mit dem Taxi nach Niederkassel, nachdem ich meine Eltern über unser Kommen informiert habe. Die Eltern meines Herrn sind ebenfalls dabei.

Meine Oya-San -Eltern- heißen uns willkommen. Sie freuen sich darüber, dass ich der Gothic-Szene scheinbar abgeschworen habe, da ich deren typische Kleidung abgelegt habe. Nach dem Essen macht mein Herr mit mir einen Spaziergang durch die Umgebung, während beide Elternpaare über die bevorstehende Hochzeit reden.

Nach dem Besuch schauen wir nach einem Hotel in der Nähe und buchen zwei Zimmer. Am Vormittag des nächsten Tages wähle ich am Telefon eine lange nicht mehr genutzte Nummer.

"Hallo?" tönt es mir entgegen.

"Hallo, Martina. Ich bin?s. Chika Miyahara."

Schweigen. Dann nach ein paar Sekunden:
"Ich hatte gedacht, du würdest mir nie verzeihen."

"Ach, Quatsch! Ich hatte dich doch total überfahren. Dafür wollte ich mich erst einmal entschuldigen."

"Nein, Chika-chan! Ich muss mich entschuldigen. Eine Freundin macht so was nicht. Es tut mir furchtbar leid."

"Martina, das ist doch alles Schnee von gestern. Jetzt haben wir uns gegenseitig entschuldigt und damit können wir es doch gut sein lassen. Findest du nicht?"

"Doch. Klar. Ich bin so froh. Wie geht es dir? Warst du weg in den vergangenen Monaten?"

'Ich war weg und bin nicht wiedergekommen,' denke ich.

"Ja, war ich. Urlaub. War super!"

"Ich war auch weg. An der Ostsee. Mit Ralf. Wir sind zusammen."

"Hey, Martina! Das freut mich für Dich. Ralf? Wie ist er?"

"Er ist echt nett."

"Und wie lange geht das mit Euch schon?"

"Seit fast drei Monaten, also noch ziemlich frisch. Wir haben uns auf der Versöhnungsfete von Peter und Bettina kennen gelernt. Die sind nämlich auch wieder zusammen."

Arme Bettina, denke ich. Na ja, jeder ist selbst für sein Glück verantwortlich. Oder sein Unglück.

"Hast Du noch Kontakt zu René?"

"Klar. Wir alten Kämpfer lassen doch nicht locker!"

Ohne zu überlegen sage ich:
"Ich fänd?s schön, wenn ich zu eurem nächsten Treffen kommen könnte."

"Ja. Super! Am Donnerstag im Eiscafé. Kannst du da?"

"Okay, ich bin da!"

"Aber sag mal, wie geht es dir so?"

'Ach, Martina,' denke ich, 'was soll ich Dir denn erzählen?!'

"Mir geht es phantastisch und ich bin verlobt. Deshalb wollte ich auch mit euch allen reden."

"Du heiratest?"

"In einem Monat. Den genauen Termin erfahre ich auch erst noch. Ich hoffe, ihr könnt alle kommen."

"Wie sind denn seine Leute so? Schickimickis?"

Das reicht jetzt.

"Aber nein! Wirtschaftsbosse, Politiker, ein wenig Adel. Ganz einfache Leute eben."

Treffer!

"Tut mir leid, Chika-chan. Das ist mir so rausgerutscht. Ich wollte nur wissen, was ich anziehen soll."

"Ich würde dir ja gern sagen, dass es ganz zwanglos wird, aber ich fürchte, es ist eher eine Angelegenheit für Smoking und Abendrobe."

"Oh!"

Pause.

Dann: "Na ja, da muss ich mir eben etwas einfallen lassen. Schließlich ist es deine Hochzeit und da müssen wir uns wohl mal ein bisschen anpassen."

"Fein."

"Ich bin froh, dass ich mir keine Sorgen um dich machen muss."

"Gut."

"Und du willst uns wirklich dabeihaben?"

"Ja."

"Dann freue ich mich darauf. Und ich freue mich, wenn wir uns am Donnerstag sehen. Du brauchst sicher noch eine Erlaubnis, oder?"

"Ja, aber die bekomme ich bestimmt. Martina, ich muss jetzt Schluss machen. Bis Donnerstag."

"Bis Donnerstag. Ich freue mich."

"Ich auch. Tschüss."

"Tschüss."

Puh, das ist ja einigermaßen gut gelaufen. Sie hat es nicht verstanden. Sie wird es nie verstehen. Es macht mir nichts mehr aus.

*

Das Treffen mit meinen alten Freunden ist am Nachmittag vorgesehen. Ich finde einen Parkplatz für den Mietwagen direkt neben dem Eiscafé. Ein Schild mit der Aufschrift 'Wir machen Ferien' hängt in der Tür.

'Das fängt ja gut an,' denke ich.

Ich beschließe, noch einen Moment in der Kälte zu warten und dann per Handy Martina anzurufen, als René auf einem Fahrrad direkt neben mir anhält.

Er hat mich nicht erkannt.

Ich ihn allerdings auch nicht gleich. Er sieht anders, irgendwie 'erwachsener' aus.

"Hallo, René," sage ich.

Er hätte beinahe sein Fahrrad, von dem er gerade abgestiegen ist, fallen gelassen.

"Chika-chan! Ui. Ich hab' dich nicht erkannt."

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