Samstag, 8. Mai 2021
Yamato Nadeshiko -68-
Als meine Dokumentation über die Inuit fertig ist, lege ich sie Herrn Schmidt vor, um ihn gegenlesen zu lassen. Ich möchte, dass er mich auf logische Fehler und 'Löcher' im Text aufmerksam macht, um die Dokumentation zu verbessern. Es hilft mir sehr, da ich es früher in der Schule immer gehasst habe, Aufsätze zu schreiben.

Einmal erklärt er Mary, die den Text in meinem Auftrag wieder einmal bei ihm abholt, dass er mich bei Gelegenheit wegen des Manuskripts persönlich sprechen möchte.

Also gehe ich mit dem Manuskript unter dem Arm zu ihm. Ruri-chan öffnet mir, knickst mit gerafftem Gewand und bittet mich an den Tisch im Wohnraum. Sie holt in der Küche eine Schale Gebäck und eine Kanne Tee. Danach nimmt sie aus dem Sideboard zwei Schalen. Ich setze mich und bin gespannt, was Herr Schmidt zu sagen hat.

Nach den Vorbereitungen klopft Ruri-chan an der Tür des Büros.

"Herein!" ruft es von drinnen.

Die Meido öffnet die Tür, geht in den Seiza -Kniesitz- und beugt den Oberkörper weit vor. Danach setzt sie sich wieder gerade und sagt:

"Herr Franck ist anwesend, Okyaku-Sama -mein Herr-!"

"Okay, ich komme," antwortet Herr Schmidt.

Ich höre einen Stuhl rücken. Ruri-chan erhebt sich wieder und lässt Herrn Schmidt an sich vorbeigehen. Danach schließt sie die Tür und kommt ebenfalls an den Tisch, um sich dort wieder im Seiza auf einem Kissen niederzulassen.

Herr Schmidt kommt auf mich zu und begrüßt mich:
"Hallo, Herr Franck. Schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch gefunden haben. Sie haben sicher schon einmal von dem Begriff 'Yamato Nadeshiko' gehört?"

Während er spricht, serviert Ruri-chan jedem von uns eine Schale Tee.

"Ja," bestätige ich. "Der Begriff ist ja hier in Hagenholt inzwischen zum 'geflügelten Wort' geworden, nachdem wir drei Mägde im Ort haben, die ihre Ausbildung in Japan genossen haben."

Herr Schmidt nickt.

"Sie haben unsere Dokumentationen über die Khoisan in Südafrika und über die Pemón im nördlichen Südamerika gelesen. Es sind beides animistische Kulturen. Durch Mary kennen sie die animistische Kultur Japans und jetzt die der Inuit in Grönland. Wie würden Sie die Rolle der Frau dort jeweils sehen?"

"Es gibt dort eine Rollenteilung, die wie selbstverständlich gelebt wird. Zusätzlich folgt die Frau vertrauensvoll dem Weg, den ihr Mann oder Herr ihr vorgibt. Es gibt wohl manchmal Diskussionen, aber das letzte Wort liegt beim Mann. Es gibt dann keinen Streit mehr."

"Ah," merkt Herr Schmidt auf. "Sie haben etwas Wichtiges erkannt: Beide sprechen über den gemeinsamen Weg in die Zukunft, aber sie folgt dann dem Wort ihres Herrn. Das ist anders als das, was in den hochzivilisierten Ländern heute üblich ist.
Haben Sie auch schon den Begriff BDSM fallen hören?"

"Ja, in der Vergangenheit habe ich verschiedentlich in Clubs Kontakt damit bekommen. Da ist allerdings vieles möglich, von Augenhöhe bis zu extremem Machtgefälle, was aber meist nur kurzzeitig ausgelebt wird und beiden Akteuren dabei eine gewisse Befriedigung verschafft."

Herr Schmidt nickt.

"Stimmt, ob nun ein Ropebunny und ihr Rigger, ob nun eine masochistisch veranlagte Person und ihr Sadist? Beide können sich auf Augenhöhe begegnen. Anders ist es bei einer devoten Person und ihrem dominanten Pedant. Hier ist ein Machtgefälle vorhanden, sonst geht's nicht. Aber die devote Person ist kein Roboter, der nur auf Befehl agiert, sondern ein fühlendes Wesen mit eigenem Willen."

"Jaaa," meine ich und ziehe die Stirn kraus. "Der Dominante braucht aber den Gehorsam der Devoten, sonst wird dieses Beziehungsgeflecht ad absurdum geführt!"

"Das stimmt wohl," meint Herr Schmidt. "Nun schauen Sie mal, wie eine solche Beziehung in den animistischen Kulturen gelebt wird, oder wie Sie sie selbst mit Mary leben, die ihre Ausbildung zur Yamato Nadeshiko in Japan erhalten hat!"

"Mary ist mir gegenüber unterwürfig," resümiere ich. "Aber es gibt auch Gelegenheiten, bei denen sie sehr selbstbewusst auftritt. Gegenüber Fremden tritt sie sehr willensstark auf und schafft es, sich durchzusetzen. Ich nehme an, dass hier ihre kanadische Vergangenheit zutage tritt."

Herr Schmidt hebt bei meinem letzten Satz eine Augenbraue.

"Eine Japanerin, die das japanische Frauenideal lebt, ist nicht unabhängig oder selbständig, wie die typische westliche Frau heutzutage. Sie findet auch nicht im Arbeitsleben, sondern nur in der Heirat mit einem starken Mann ihre Erfüllung. Hier in unserer Gemeinschaft muss es nicht unbedingt die Heirat sein, die Unterwerfung unter einen starken Mann reicht. Obwohl die Heirat so etwas wie das Geadelt werden bedeutet!"

"Das ist das Innenverhältnis der Beiden, Herr und Magd," antworte ich. "Das habe ich auch bei Nanuq und Kinalik festgestellt! Gleiches konnte ich über Primok und Meru lesen. Aber wenn die Frauen mit Fremden zu tun haben, sind sie selbstbewusst und willensstark. Sie setzen sich durch, ohne dabei unhöflich zu werden."

"Genau," bestätigt mir Herr Schmidt. "Sie haben auch gelernt Schicksalsschläge unbewegt zu ertragen. Dennoch öffnen sie sich vertrauten Personen und sind Trost gegenüber empfänglich.
Ihr Pedant ist der starke Mann, haben wir eben gesagt. Aber was ist das, ein starker Mann?"

"Hm, auf Grönland hatte ich dazu einen kurzen Dialog mit Mary. Sie sagte: Du hast starke Tiere mit archaischen Waffen bezwungen, und du hast damit deine Magd vor dem Verhungern beschützt! Ich habe ihr darauf geantwortet: 'Aber in der Zivilisation, in Hagenholt gelten andere Regeln. Da wird nicht mehr gejagt, um nicht zu verhungern! Da muss man Ideen haben, um damit die Bedürfnisse anderer Leute zu decken. Von deren Geld kann man dann Nahrung kaufen.'"

"Damit haben Sie beide recht," antwortet Herr Schmidt. "In beiden Fällen, sowohl im archaischen, wie im modernen Umfeld, braucht es aber eine gewisse Intelligenz, um zum Ziel zu kommen. Stärke wird nicht immer nur in der Größe der Muskeln gemessen. Außerdem, im archaischen wie im modernen Umfeld fühlt sich eine Frau wohl, wenn der Mann sie beschützt!"

"Das ist leichter gesagt, als getan," halte ich ihm entgegen. "In der modernen Gesellschaft ist es verboten, mit scharfen Waffen herumzulaufen! Hier hat der Staat das 'Gewaltmonopol'."

"Und potentielle Verbrecher gehen hier subtiler vor, um an Ihr Vermögen zu kommen: Man versucht, Sie 'übers Ohr zu hauen'. Aber es gibt trotzdem immer noch Überfälle."

"Was kann ich in einem solchen Fall denn unternehmen?"

"Haben Sie schon erlebt, dass Mary eine Position eingenommen hat, die einem Karatekämpfer ähnelt?"

"Neinnn?" dehne ich.

"Sie wäre aber in der Lage, wie alle Mägde in Hagenholt oder auf Bunrei no shima, sich zu wehren und damit auch ihrem Herrn zu helfen in brenzligen Situationen!" eröffnet mir Herr Schmidt.

Ich mache ein erstauntes Gesicht. Der Ortsvorsteher nickt lächelnd.

"Im Gegenzug sollten auch Sie ein Training in Ju-Jutsu absolvieren! Sie haben bei den Inuit archaische Waffen kennengelernt. Welche waren das?"

"Die Lanze und das Wurfholz mit der Harpune," sage ich.

Ich habe beide mit nach Hagenholt gebracht, nachdem ich sie zum Abschied geschenkt bekommen habe.

"Welche Waffe liegt Ihnen am besten?" fragt mein Gegenüber.

"Die Harpune ist die Distanzwaffe der Inuit. Mit der Lanze stoßen sie zu, wenn die Robbe oder der Wal ihnen zu nahe kommt," erkläre ich schulterzuckend.

"Ich möchte Sie nicht beeinflussen, aber mir scheint, dass dann wohl die Harpune die elegantere Waffe ist. Lassen Sie sich eine Zielscheibe anfertigen und üben Sie den Gebrauch der Waffe auf sportliche Art," schlägt mir der Ortsvorsteher nun vor. "Begleitend sollten Sie sich mit den ritterlichen Tugenden aus Japan vertraut machen ? sie mit der Zeit verinnerlichen, Herr Franck. Mary wird es Ihnen mit bedingungsloser Unterordnung danken!"

"Das scheint mir ein umfangreiches Programm zu sein!" halte ich ihm vor. "Ob ich dafür Zeit finde, neben meinem Job?"

Herr Schmidt nickt lächelnd.

"Überlegen Sie es sich! Es ist alles eine Frage der Planung..."

Wir reden anschließend noch über dies und das.
Danach gehe ich nachdenklich wieder nachhause.

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