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Freitag, 30. April 2021
Yamato Nadeshiko -64-
hermann-jpmt, 13:13h
Neben mir treiben Nanuq und die anderen Jäger ihre Lanzen wie Nadeln in die Flanke des Tieres. Immer wieder stechen sie zu. Das Fleisch des Wals bebt, lässt Wasser aufspritzen. Ich fürchte schon, dass unser Boot eingedrückt werden könnte. Das Wesen ächzt.
"Haltet die Leine fest!" ruft Nanuq.
Ich greife danach, halte fest, zerre und halte das Umiak an der Flanke des Wales, damit die Inuit weiter zustechen können. Im nächsten Augenblick verschwindet das Auge des Tieres unter Wasser. Ich sehe die Schwanzflossen empor zucken.
"Loslassen!" brüllt Nanuq.
Ich werfe die Leine über Bord. Die Schwanzflosse ragt hoch über uns auf, der Körper des Tieres steht beinahe senkrecht. Die Lederleine verschwindet unter Wasser. Das Tier ist fort.
"Jetzt warten wir ab," sagt Nanuq. "Dann fängt alles wieder von vorne an."
Es scheint sehr ruhig zu sein auf dem Meer. Ringsum treiben Masaaraq im Wasser -Eisschollen auf denen man nicht stehen kann-. Der Wind weht den Atem des Wales auseinander, löst den Dunst langsam auf. Ich friere erbärmlich. Wenn wir ins Dorf zurückkehren, werde ich als erstes heißen Tee trinken.
*
Zwei Wochen liegt unser Jagdausflug schon hinter uns. Andere Jäger haben weitere Robben und auch Fische erlegt. In den vergangenen Tagen habe ich erlebt, wie man aus Fischhaut dünnes Leder herstellt. Der Stoßzahn des Narwals hat der Kaskae -Häuptling- des Dorfes mir als Anerkennung geschenkt. Die Überreste des mächtigen Narwals liegen am Strand, ein Großteil ist bereits zerteilt worden, viele Knochen hat man inzwischen verarbeitet.
Ich beiße in das gebratene Fleisch. Neben mir sitzt Nanuq mit untergeschlagenen Beinen. Er kaut rohen Speck, dessen Fett ihm aus den Mundwinkeln herabläuft. Er wischt sich das Gesicht mit dem Ärmel ab.
Das Festhaus ist voll. Etwa dreißig Männer und Frauen drängen sich in der Hütte, die Kinder nicht eingerechnet.
Die Gesänge der Inuit sind ihr ureigenstes Werk. Man geht davon aus, dass sich jeder Mann und jede Frau eigene Lieder zurechtlegt. Die Lieder des Volkes sind im Allgemeinen sehr schlicht, doch einige auch sehr schön und sogar anrührend. Die Jäger begleiten sich dabei auf einer großen Trommel.
Ein Mann stimmt ein Lied über das Kamikbauen an, eine Hymne an Leder, Holz und Sehnen, mit denen er arbeitet und die ihn im Polarmeer nicht im Stich lassen dürfen. Jemand anders lässt ein Seelöwenlied folgen, eine Ermutigung an das Tier, dorthin zu schwimmen, wo der Jäger es treffen kann. Das dritte Lied dreht sich um einen jungen Schurken, der eigentlich auf die Jagd gehen soll, sich aber stattdessen hinlegt und seine Stiefel an einem Felsen wetzt, um seinen Gefährten später erzählen zu können, er habe vergeblich gejagt. Nach den Blicken zu urteilen, die im Saal umherstreifen, ist dieser junge Mann sogar anwesend. Danach singen zwei Frauen, die eine über das Sammeln von Vogeleiern in ihrer Jugend, die andere über die Freude beim Anblick eines Verwandten, den sie seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen hat.
Mich freut es, ihre Lieder zu hören. Nanuq übersetzt sie mir. Ein 'echtes' Lied kommt von Herzen, sagt Nanuq, und die Zuhörer freuen sie sich darüber. Die Inuit empfinden ihre Lieder als kostbar und geheimnisvoll. Sie freuen sich, dass es Lieder gibt. Bei ihnen gilt das geflügelte Wort: 'Niemand weiß, woher Lieder kommen.'
"Sing, Nanuq!" ruft Killalurak, einer seiner Taqtu -Kameraden-.
Nanuq schüttelt heftig den Kopf.
"Nein, nein," antwortet er mit gequälter Miene.
"Nanuq singt nie," sagt Kinalik, seine Frau, zu mir.
"Ich kann nicht singen," behauptet Nanuq.
"Nun komm schon, sing!" rufen andere.
Zu meiner Überraschung steht Nanuq nun auf und verlässt hastig das Festhaus.
Ich folge ihm ins Freie. Besorgt geht Kinalik mir nach.
"Ich kann nicht singen!" wiederholt Nanuq.
Er ist zum Ufer des Nordmeeres gegangen.
"Mir steigen keine Lieder in den Mund. Ich bin ohne Lieder. Ich ähnele dem Eis auf dem Gletscher, der niemals Blumen hervorbringt. Mir fliegt nie ein Lied zu. In meinem Herzen ist noch kein Lied geboren worden," meint er, als ich ihn erreiche.
"Du kannst singen, Nanuq," sagt Kinalik -Eiderente-.
"Nein," beharrt Nanuq. "Kann ich nicht."
"Eines Tages wirst auch du im Festhaus singen," prophezeit sie.
"Nein, ich kann nicht singen," bleibt Nanuq dabei und sagt zu ihr: "Geh wieder ins Festhaus!"
Sie macht kehrt. Nanuq schaut über das Wasser.
"Einmal habe ich geglaubt, ein Lied machen zu können," erinnert er sich. "Ich wollte singen. Ich wollte sogar sehr gern singen - über die Welt und wie schön sie ist, über das große Meer, die Berge, die hübschen Sterne, den mächtigen Himmel."
"Warum hast du das Lied nicht gemacht?" frage ich.
"Eine innere Stimme," antwortet Nanuq, "schien mir zuzuflüstern: 'Wie kannst du es wagen, ein Lied zu machen? Wie kannst du es dir anmaßen zu singen? Ich bin die Welt, ich bin das große Meer, die hohen Berge, die funkelnden Sterne, der weite Himmel! Glaubst du, du kannst uns in dein kleines Lied stecken?' Da bekam ich Angst und habe es sein gelassen."
Ich mustere ihn von der Seite.
"Seit dem Tag habe ich nicht mehr zu singen versucht," redet er nach einer Gedankenpause weiter.
"Singen ist nichts Falsches," stelle ich fest.
"Wer bin ich schon, dass ich mir ein Lied ausdenke?" fragt Nanuq. "Ich bin ein Niemand."
"Aber es wäre besser, ein Lied vorzutragen und damit einen Fehlschlag zu erleiden, als es gar nicht zu versuchen," meine ich.
"Ich bin zu klein," beharrt Nanuq. "Ich kann nicht singen. Kein Lied lässt sich auf meiner Schulter nieder. Kein Lied kommt zu mir und bittet mich, es zu singen."
"Kein Lied kann den Himmel einfangen," antworte ich ihm. "Kein Lied kann die Berge umfassen, die ganze Welt. Sie bestehen außerhalb der Welt, wie Liebende, und sagen ihr, wie schön sie ist."
"Ich kann nicht singen!" sagt er wieder und wendet sich ab.
Aus dem Festhaus tönt Gelächter herüber. Über dem Polarmeer stehen die Sterne. Die Dämmerung des polaren Winters hat inzwischen eingesetzt.
Die Überreste des mächtigen Wals liegen am Strand, ein Großteil ist bereits zerteilt worden.
"Die Fleischgestelle sind voll," sage ich, um ihn abzulenken.
Meine Worte gelten den hohen Holzgebilden, die da und dort im Lager stehen.
"Ja," sagt Nanuq.
Vor zwei Wochen war es uns gelungen, einen Narwal zu erlegen.
"Es ist gut," freut sich Nanuq und betrachtet die Fleischgestelle. "Vielleicht müssen die Familien in diesem Winter nicht aufs Eis."
Die Jagd auf dem Eis kann gefährlich sein. Durch Wind und Gezeiten getrieben, kann sich das Terrain verschieben, aufbäumen oder sogar brechen.
Die Sonne steht unter dem Horizont. Lachen schallt aus dem Festhaus.
Die Polarnacht ist natürlich nicht völlig dunkel. Der Mond und sogar die Sterne verbreiten Licht, das von Schnee und Eis reflektiert wird und mehr als ausreichend ist, um sich zurechtzufinden. Doch sobald Wolken oder Stürme aufziehen, ist es mit dem Licht natürlich vorbei. Dann müssen die Jäger in ihren Behausungen bleiben und sich mit dem Toben des Sturms abfinden.
"Ich kann mich nicht erinnern, dass die Gestelle schon einmal so schwer beladen waren," bemerkt Nanuq.
"Kein Wunder, dass die Stimmung im Festhaus so gut ist," stelle ich fest.
Außer dem Wal sind noch viele Robben und Fische gefangen worden. Dazu haben die Frauen auch Eier und Beeren gesammelt.
"Ich glaube, wir haben genug zu essen für den Winter," meint Nanuq.
"Du bist ein großer Jäger," schmeichele ich ihm.
"Ich bin kein großer Jäger!" gibt er zurück. "Aber es gab mal einen Tag, da tötete ich sechs Robben."
Er grinst.
"Gehen wir ins Festhaus zurück," schlage ich vor.
Gemeinsam kehren wir in den Kreis der anderen zurück.
*
"Haltet die Leine fest!" ruft Nanuq.
Ich greife danach, halte fest, zerre und halte das Umiak an der Flanke des Wales, damit die Inuit weiter zustechen können. Im nächsten Augenblick verschwindet das Auge des Tieres unter Wasser. Ich sehe die Schwanzflossen empor zucken.
"Loslassen!" brüllt Nanuq.
Ich werfe die Leine über Bord. Die Schwanzflosse ragt hoch über uns auf, der Körper des Tieres steht beinahe senkrecht. Die Lederleine verschwindet unter Wasser. Das Tier ist fort.
"Jetzt warten wir ab," sagt Nanuq. "Dann fängt alles wieder von vorne an."
Es scheint sehr ruhig zu sein auf dem Meer. Ringsum treiben Masaaraq im Wasser -Eisschollen auf denen man nicht stehen kann-. Der Wind weht den Atem des Wales auseinander, löst den Dunst langsam auf. Ich friere erbärmlich. Wenn wir ins Dorf zurückkehren, werde ich als erstes heißen Tee trinken.
*
Zwei Wochen liegt unser Jagdausflug schon hinter uns. Andere Jäger haben weitere Robben und auch Fische erlegt. In den vergangenen Tagen habe ich erlebt, wie man aus Fischhaut dünnes Leder herstellt. Der Stoßzahn des Narwals hat der Kaskae -Häuptling- des Dorfes mir als Anerkennung geschenkt. Die Überreste des mächtigen Narwals liegen am Strand, ein Großteil ist bereits zerteilt worden, viele Knochen hat man inzwischen verarbeitet.
Ich beiße in das gebratene Fleisch. Neben mir sitzt Nanuq mit untergeschlagenen Beinen. Er kaut rohen Speck, dessen Fett ihm aus den Mundwinkeln herabläuft. Er wischt sich das Gesicht mit dem Ärmel ab.
Das Festhaus ist voll. Etwa dreißig Männer und Frauen drängen sich in der Hütte, die Kinder nicht eingerechnet.
Die Gesänge der Inuit sind ihr ureigenstes Werk. Man geht davon aus, dass sich jeder Mann und jede Frau eigene Lieder zurechtlegt. Die Lieder des Volkes sind im Allgemeinen sehr schlicht, doch einige auch sehr schön und sogar anrührend. Die Jäger begleiten sich dabei auf einer großen Trommel.
Ein Mann stimmt ein Lied über das Kamikbauen an, eine Hymne an Leder, Holz und Sehnen, mit denen er arbeitet und die ihn im Polarmeer nicht im Stich lassen dürfen. Jemand anders lässt ein Seelöwenlied folgen, eine Ermutigung an das Tier, dorthin zu schwimmen, wo der Jäger es treffen kann. Das dritte Lied dreht sich um einen jungen Schurken, der eigentlich auf die Jagd gehen soll, sich aber stattdessen hinlegt und seine Stiefel an einem Felsen wetzt, um seinen Gefährten später erzählen zu können, er habe vergeblich gejagt. Nach den Blicken zu urteilen, die im Saal umherstreifen, ist dieser junge Mann sogar anwesend. Danach singen zwei Frauen, die eine über das Sammeln von Vogeleiern in ihrer Jugend, die andere über die Freude beim Anblick eines Verwandten, den sie seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen hat.
Mich freut es, ihre Lieder zu hören. Nanuq übersetzt sie mir. Ein 'echtes' Lied kommt von Herzen, sagt Nanuq, und die Zuhörer freuen sie sich darüber. Die Inuit empfinden ihre Lieder als kostbar und geheimnisvoll. Sie freuen sich, dass es Lieder gibt. Bei ihnen gilt das geflügelte Wort: 'Niemand weiß, woher Lieder kommen.'
"Sing, Nanuq!" ruft Killalurak, einer seiner Taqtu -Kameraden-.
Nanuq schüttelt heftig den Kopf.
"Nein, nein," antwortet er mit gequälter Miene.
"Nanuq singt nie," sagt Kinalik, seine Frau, zu mir.
"Ich kann nicht singen," behauptet Nanuq.
"Nun komm schon, sing!" rufen andere.
Zu meiner Überraschung steht Nanuq nun auf und verlässt hastig das Festhaus.
Ich folge ihm ins Freie. Besorgt geht Kinalik mir nach.
"Ich kann nicht singen!" wiederholt Nanuq.
Er ist zum Ufer des Nordmeeres gegangen.
"Mir steigen keine Lieder in den Mund. Ich bin ohne Lieder. Ich ähnele dem Eis auf dem Gletscher, der niemals Blumen hervorbringt. Mir fliegt nie ein Lied zu. In meinem Herzen ist noch kein Lied geboren worden," meint er, als ich ihn erreiche.
"Du kannst singen, Nanuq," sagt Kinalik -Eiderente-.
"Nein," beharrt Nanuq. "Kann ich nicht."
"Eines Tages wirst auch du im Festhaus singen," prophezeit sie.
"Nein, ich kann nicht singen," bleibt Nanuq dabei und sagt zu ihr: "Geh wieder ins Festhaus!"
Sie macht kehrt. Nanuq schaut über das Wasser.
"Einmal habe ich geglaubt, ein Lied machen zu können," erinnert er sich. "Ich wollte singen. Ich wollte sogar sehr gern singen - über die Welt und wie schön sie ist, über das große Meer, die Berge, die hübschen Sterne, den mächtigen Himmel."
"Warum hast du das Lied nicht gemacht?" frage ich.
"Eine innere Stimme," antwortet Nanuq, "schien mir zuzuflüstern: 'Wie kannst du es wagen, ein Lied zu machen? Wie kannst du es dir anmaßen zu singen? Ich bin die Welt, ich bin das große Meer, die hohen Berge, die funkelnden Sterne, der weite Himmel! Glaubst du, du kannst uns in dein kleines Lied stecken?' Da bekam ich Angst und habe es sein gelassen."
Ich mustere ihn von der Seite.
"Seit dem Tag habe ich nicht mehr zu singen versucht," redet er nach einer Gedankenpause weiter.
"Singen ist nichts Falsches," stelle ich fest.
"Wer bin ich schon, dass ich mir ein Lied ausdenke?" fragt Nanuq. "Ich bin ein Niemand."
"Aber es wäre besser, ein Lied vorzutragen und damit einen Fehlschlag zu erleiden, als es gar nicht zu versuchen," meine ich.
"Ich bin zu klein," beharrt Nanuq. "Ich kann nicht singen. Kein Lied lässt sich auf meiner Schulter nieder. Kein Lied kommt zu mir und bittet mich, es zu singen."
"Kein Lied kann den Himmel einfangen," antworte ich ihm. "Kein Lied kann die Berge umfassen, die ganze Welt. Sie bestehen außerhalb der Welt, wie Liebende, und sagen ihr, wie schön sie ist."
"Ich kann nicht singen!" sagt er wieder und wendet sich ab.
Aus dem Festhaus tönt Gelächter herüber. Über dem Polarmeer stehen die Sterne. Die Dämmerung des polaren Winters hat inzwischen eingesetzt.
Die Überreste des mächtigen Wals liegen am Strand, ein Großteil ist bereits zerteilt worden.
"Die Fleischgestelle sind voll," sage ich, um ihn abzulenken.
Meine Worte gelten den hohen Holzgebilden, die da und dort im Lager stehen.
"Ja," sagt Nanuq.
Vor zwei Wochen war es uns gelungen, einen Narwal zu erlegen.
"Es ist gut," freut sich Nanuq und betrachtet die Fleischgestelle. "Vielleicht müssen die Familien in diesem Winter nicht aufs Eis."
Die Jagd auf dem Eis kann gefährlich sein. Durch Wind und Gezeiten getrieben, kann sich das Terrain verschieben, aufbäumen oder sogar brechen.
Die Sonne steht unter dem Horizont. Lachen schallt aus dem Festhaus.
Die Polarnacht ist natürlich nicht völlig dunkel. Der Mond und sogar die Sterne verbreiten Licht, das von Schnee und Eis reflektiert wird und mehr als ausreichend ist, um sich zurechtzufinden. Doch sobald Wolken oder Stürme aufziehen, ist es mit dem Licht natürlich vorbei. Dann müssen die Jäger in ihren Behausungen bleiben und sich mit dem Toben des Sturms abfinden.
"Ich kann mich nicht erinnern, dass die Gestelle schon einmal so schwer beladen waren," bemerkt Nanuq.
"Kein Wunder, dass die Stimmung im Festhaus so gut ist," stelle ich fest.
Außer dem Wal sind noch viele Robben und Fische gefangen worden. Dazu haben die Frauen auch Eier und Beeren gesammelt.
"Ich glaube, wir haben genug zu essen für den Winter," meint Nanuq.
"Du bist ein großer Jäger," schmeichele ich ihm.
"Ich bin kein großer Jäger!" gibt er zurück. "Aber es gab mal einen Tag, da tötete ich sechs Robben."
Er grinst.
"Gehen wir ins Festhaus zurück," schlage ich vor.
Gemeinsam kehren wir in den Kreis der anderen zurück.
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