Mittwoch, 28. April 2021
Yamato Nadeshiko -63-
Um der Langeweile zu begegnen und gleichzeitig seine Neugier auf das Land zu befriedigen, ist mein Herr mit einem Dhingi an Land gerudert und macht kurze Spaziergänge den Strand entlang und auch ins Landesinnere. Dabei darf ich ihn begleiten.

Alles was ich hier an Vegetation erkennen kann, sind vereinzelte kleine Pflanzen zwischen den Steinen und ein heller Belag auf den Steinen, den ich als 'Flechten' kennengelernt habe, eine Verbindung von Pilzen und Algen.

Ab und zu setzen wir uns und ruhen aus. Wenn wir von einem erhöhten Sitzplatz aus auf das Meer hinausschauen, fallen mir hin und wieder Buckel auf dem Wasser und Fontänen vorbeiziehender Wale auf. Ich habe meinen Herrn darauf aufmerksam gemacht.

In die Stille hinein ertönt plötzlich entferntes Hundegebell. Ich schaue mich um, kann aber noch nichts erkennen. Das Gebell wird allmählich lauter und inzwischen kann ich auch die Richtung bestimmen, aus der das Geräusch kommt. Plötzlich erkenne ich einige bewegte Punkte in der Ferne. Auch mein Herr schaut erwartungsvoll.

Er gibt unsere Beobachtung per Funk an Bord der 'Mother Earth' weiter. Dort starten jetzt Besatzungsmitglieder mit einem zweiten Dhingi, um ebenfalls ans Ufer kommen. Die Leute werden später beide Dhingis zum Schiff zurückbringen und uns in einigen Wochen wieder abholen.

Bald darauf hat uns der Inuit Nanuq -Eisbär- mit seinem Schlitten erreicht. Er stoppt und seine Hunde legen sich hin. Dann wirft er ihnen getrocknetes Fleisch vor und wir legen unsere wenigen Habseligkeiten auf den Schlitten. Herr Bauer begrüßt unseren Führer und übergibt ihm einige Dinge, die dieser sich gewünscht hat.

Wir winken eine Stunde später der abfahrenden 'Mother Earth' hinterher und Nanuq ruft ein Wort. Der Hund an der Spitze, der Issorartuyok -Führungshund- dreht den Schlitten herum. Die anderen folgen. Ich darf bei dem Gepäck auf dem Schlitten sitzen. Die Männer laufen nebenher oder stellen sich hinten auf die Kufen. Nanuq lässt die Hunde langsam laufen.

Vier Tage sind wir nun schon unterwegs weiter nach Norden. Wir wandern dreimal drei Stunden mit je einer Stunde Rast pro Tag und schlafen in den mitgebrachten Wurfzelten, eingepackt in unsere gefütterten Schlafsäcke.

In den Pausen sehen wir Nanuq auf einem Stück Elfenbein herumschnitzen. Ab und zu hält er inne, dreht das Elfenbein in der Hand und betrachtet es.

Manchmal flüstert er dabei: "Wer verbirgt sich darin? Wer bist du?"

Dann schnitzt er weiter.

Plötzlich sagt er: "Ah, ein Seelöwe!"

Wir schauen ihm beim Schnitzen zu. Langsam bildet sich der Umriss eines Seelöwen heraus, beinahe als habe sich das Geschöpf im Elfenbein versteckt gehalten - Schnauze und Flossen, der lange, geschmeidige Körper. Die Ohren sind nur kleine Erhebungen am Kopf.

Oft geht es einem Inuit gar nicht darum etwas Bestimmtes zu schaffen, erklärt er meinem Herrn, als er sein Interesse bemerkt. Er schnitzt vielmehr drauflos und wartet geduldig ab, ob sich da etwas ergibt, ob irgendeine Figur auf Befreiung aus der anonymen Form wartet.

"In gewisser Weise ähnelt dieser Vorgang der Jagd," sagt er. "Der Jäger lässt auch auf sich zukommen, was da zu finden ist."

Manchmal findet sich eine Gestalt im Elfenbein oder Knochen. Manchmal auch nicht. Er entfernt das überflüssige Elfenbein und lässt die Figur zutage treten.

Nanuqs Messer, sein 'Ulu', hat einen gut zwanzig Zentimeter langen Holzgriff. Die Schneide ist etwa acht Zentimeter lang. Beim Schnitzen stemmt er sein Werkzeug auf das Bein, die Finger nahe der Schneide, wo sie die Bewegungen des Metalls genau steuern können.

Wenn man das Messer aufstützt, kann auch Kraft vom Bein mit angewendet werden, ohne dass Balance und Kontrolle über die Bewegung verloren gehen, weil die Spitze durch die Finger geschickt gesteuert wird. Nanuq hält den Seelöwen in die Höhe.

"Ein hübsches Tier," lobt mein Herr.

"Dies ist dein Seelöwe," sagt Nanuq und überreicht ihm die Figur.

"Ich bin dir dankbar," antwortet mein Herr und betrachtet sie.

"Nichts zu danken," antwortet Nanuq.

So vergehen die Tage, während wir unterwegs sind.

Am Morgen des letzten Reisetages packen wir unsere Zelte zusammen und beladen den Schlitten.

Die Hunde werden davor gespannt und Nanuq gibt das Startsignal. Kurz nach Mittag erreichen wir das Dorf der Inuit. Die Hütten sind halb in den Boden hinein gegraben und mit doppelten Wänden versehen. Diese beiden Mauern bestehen aus Steinen. Dazwischen dienen Torfschichten zur Isolation. Auf der Innenseite sind die Wände mit Fellen verkleidet. Oben im Dach gibt es je einen Rauchabzug.

Beim Eintreten muss man sich durch eine niedrige Öffnung bücken. Die Decke, gestützt von zahlreichen Säulen, besteht aus Schichten von Gras und Lehm. Das Dorf umfasst ein Festhaus und zehn oder elf weitere Hütten.

Wir werden freundlich empfangen und uns zu Ehren wird ein Fest veranstaltet. Die Leute haben sicher nur wenig Abwechslung. Es ist weit nach Mitternacht, als wir das Festhaus verlassen und zu Nanuks Hütte gehen. Nanuqs Frau Kinalik -Eiderente- hat uns ein Lager bereitet, auf dem wir es uns unter Fellen gemütlich machen.

*

Nanuq schaut über das Wasser.

"Bald ist es soweit," sagt er.

Ich habe nicht gemerkt, dass er vor sich hin gezählt hat, aber er hat sicher eine jahrelange Erfahrung in diesen Dingen, ein Gefühl für die Zyklen und Rhythmen einer solchen Jagd und ihre Steigerung in der Ermüdung des Tieres. Das kalte Wasser wirkt ungewöhnlich still. Da und dort treiben Masaaraq -Eisstücke-. Die steinige Küste liegt etwa einen halben Kilometer hinter uns. Über dem Dorf steigt Rauch auf.

Das kalte Wasser wirkt ungewöhnlich still. Kaum eine Welle ist zu sehen. Außer mir sitzen fünf Männer in dem großen Lederboot, das Umiak genannt wird. Es ist etwa sechs Meter lang und anderthalb breit. Die Außenhaut des Bootes aus Leder ist über den Rahmen aus Treibholz und langen Knochenbögen gespannt, die mit einer Schnur aus Sehnen zusammengefügt worden sind.

Das Wasser bewegt sich immer noch nicht.

"Gleich ist es soweit," sagt Nanuq noch einmal.

Oft kehren Umiaks oder die kleinen Ein-Mann-Boote, die Kamiks (nicht Kajaks), nicht von der Jagd zurück.

"Haltet euch bereit," sagt Nanuq, der als Desna -Chef im Boot- fungiert.

Das Wasser erstreckt sich spiegelglatt ringsum. Ich umklammere die lange Harpune. Sie ist etwa zweieinhalb Meter lang und hat ungefähr sechs Zentimeter Durchmesser. Der Hauptschaft besteht aus Holz. Daran befindet sich eine Verlängerung aus Knochen. In diesen Vorderschaft ist die Klinge eingesetzt. Durch ein in die Klinge gebohrtes Loch, etwa zehn Zentimeter unterhalb der Spitze führt eine Lederleine, die zusammengerollt zu meinen Füßen im Boot liegt. Das Loch ist so angebracht, dass die Spitze der Harpune sich in der Wunde dreht, sobald die Leine straffgezogen wird und der Akik -Widerhaken- sich auf diese Weise erst richtig festbeißt.

Plötzlich bricht er aus dem Wasser hervor, keine zehn Meter vom Boot entfernt, senkrecht emporsteigend, hinauf strebend und mit mächtigem Schnauben ausatmend, Wasser versprühend, in einem Gewirr von Leinen und Blut - die mächtige, zylindrische Masse des Narwals.

"Jetzt!" ruft Nanuq.

Ich schleudere die Harpune.

Einen halben Meter tief verschwindet die Harpune in der Flanke des riesigen Säugetiers. Die sich entrollende Leine sirrt an mir vorbei in die Höhe. Das Ungeheuer scheint auf seinen Schwanzflossen zu stehen, hoch ragt es über uns auf und die Harpunenleine verschwindet wie ein winziger, im Wind wogender Faden nach oben.

"Aufpassen!" brüllt Nanuq.

Ächzend, Luft ausstoßend, stürzt das Tier ins Wasser zurück. Es gibt ein mächtiges Klatschen, das viele Kilometer im Umkreis zu hören sein muss. Die Leine führt jetzt horizontal vom Boot fort. Viel Wasser ist hereingeschwappt und wir sind von Kopf bis Fuß durchnässt. Mein Parka beginnt sofort steif zu frieren.

Mit Ledereimern beginnen wir Wasser zu schöpfen. Dichter Dampf liegt wie Nebel in der Luft, die sich niederschlagende Feuchtigkeit im warmen Atem des Wals. Ich bemerke den Blick des kleinen Auges auf der linken Seite des Tiers.

"Er taucht gleich," sagt Nanuq.

Als er den Arm hebt, lösen sich knirschend Eisstückchen von seinem Fell-Parka. Nanuq beginnt die Leine einzuholen und bringt uns damit dicht an die Flanke des Wals heran. Die anderen Jäger werfen die Eimer fort und greifen nach ihren Lanzen, schlanke Jagdwaffen mit starren Spitzen, die im Allgemeinen nicht zum Werfen, sondern zum Stoßen benutzt werden. Ich strecke die Hand aus und stemme sie gegen die Flanke des Wals.

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