Sonntag, 18. April 2021
Yamato Nadeshiko -58-
"Meru ist doch eine junge Frau."

"Da bin ich nicht so sicher."

"Meinst du, sie ist womöglich ein Panther-Wesen?" fragt Primok besorgt.

Der Aberglauben seines Volkes lässt diese Möglichkeit durchaus zu.

"Denkbar wäre es."

"Das würde natürlich vieles erklären," sagt Primok nachdenklich. Dann richtete er sich auf. "Aber es kann nicht sein. Ich kenne Meru seit vielen Jahren. Als Kinder haben wir zusammen Vogeleier gesucht und Händchen gehalten. Außerdem ist sie Apoks Tochter."

"Du hast wohl recht. Sie ist nicht wirklich ein Panther," sage ich. "Aber oft führt sie sich wie ein Panther auf."

"Ja, manche Mädchen sind eben so," stellt Primok fest.

"Ist dir schon einmal eine andere junge Frau begegnet, die so ist wie Meru?"

"Eigentlich nicht," meint er.

Meru kommt vor die Hütte und mischt sich in unser Gespräch.

"Wohin wollt ihr, Faulpelze?" fragt sie.

"Nach Hause," antwortet Primok.

Wir machen uns auf den Rückweg zu Primoks Hütte.

"Primok ist ein Faulpelz!" ruft uns Meru hinterher. "Primok kann im Festhaus nicht singen! Primok kann kein Kanoa steuern! Primok ist ein schlechter Jäger."

"Ich werde zornig," sagt Primok zu mir.

"Pemón werden nicht zornig," meine ich.

"Manchmal doch," stellt Primok fest.

"Das wusste ich nicht."

"Primok ist ein Faulenzer! Primok ist ein schrecklich dummer Jäger. Was für ein Glück für mich, nicht Primoks Frau zu sein! Die arme Frau, die einmal in Primoks Hütte wohnen wird! Es freut mich, dass ich nicht in seine Hütte muss! Ich würde um nichts in der Welt in seiner Hütte wohnen wollen!"

"Jetzt habe ich aber genug!" sagt Primok plötzlich.

Er zeigt ein sehr ärgerliches Gesicht.

"Man hat ja schließlich seinen Stolz," bestärke ich ihn.

Knurrend wie ein wild gewordenes Tier macht er auf dem Absatz kehrt und eilt so schnell er kann auf Apoks Hütte zu.

Ich gehe weiter auf Primoks Hütte zu. Hinter uns wird Jubelgeschrei laut. Als ich Primoks Hütte erreicht habe, drehe ich mich um. Eine große Menge nähert sich ? an ihrer Spitze kommt Primok. Er zerrt eine vorgebeugte, stolpernde, schreiende Gestalt hinter sich her. Seine Hand hat sich in ihr Haar verkrampft. Sie trägt Festkleidung. An der Öffnung zu seiner Hütte wirft er sie sich über die Schulter, trägt sie hinein und wirft sie auf die Felle zu seinen Füßen. Zornig blickt sie zu ihm auf. Sie versucht aufzustehen, aber er stößt sie zurück.

"Du trägst Festkleidung!" sagt er zu ihr. "Willst du etwa zu einem Fest?"

Der Zorn steht ihm im Gesicht. Sie antwortet ihm nicht.

"Nein," fährt er fort, "du gehst nicht zu einem Fest. Du brauchst kein Festgewand zu tragen. Zieh es aus, alles!"

"Primok!" ruft sie protestierend aus.

"Sofort!" befiehlt er.

Sie gehorcht eilig und hockt auf den Fellen in seiner Hütte. Nacktheit ist unter Indios nichts Ungewöhnliches. Doch selbst für sie ist es wohl etwas Besonderes, eine junge Frau nackt zu sehen, die so hübsch ist wie Meru. Primok hat eine Menge Gaffer.

"Primok!" ruft sie. "Was hast du vor?"

"In dieser Hütte kann nur einer der Erste sein!" ruft er und versetzt ihr einen leichten Schlag.

Frauen und Männer des Dorfes scharen sich um den Eingang und ermuntern Primok in seinem Tun.

"Primok gebietet in seiner Hütte!" ruft Meru schließlich und neigt erschaudernd den Kopf. "Primok ist der Erste in seiner Hütte."

Er tritt vor sie hin.

"Du bist in dieser Hütte der Erste," schluchzt sie. "Ich bin deine Frau. Deine Frau wird dir gehorchen."

Die Männer und Frauen brüllen begeistert und stampfen mit den Füßen. Einige beginnen zu singen. Meru hat sich mit ihrem Temperament und ihrer spitzen Zunge anscheinend viele Feinde gemacht. So verfolgen nun alle begeistert, was sich in der Hütte zwischen dieser stolzen Frau und Primok abspielt, der in diesem Augenblick über sich selbst hinauswächst.

"Jetzt kommst du mir nicht mehr in meine Hütte," sagt Merus Vater Apok.

Er tätschelt ihr den Kopf und wendet sich ab.

"Vater!" ruft sie ihm nach.

"Säuselt da der Wind?" fragt er, ohne sich umzudrehen. "Ja, es ist wohl der Wind."

Und er entfernt sich.

Er hat recht: Sie darf nun nicht mehr einfach in die Hütte ihres Vaters zurückkehren. Sie hat Primok als Gefährten akzeptiert. Die Menge beginnt sich zu zerstreuen. Primok sieht sich um und schließt den Eingang mit einer Matte. Ich nehme wortlos meine Hängematte, knüpfe sie los und verlasse die Hütte nun ebenfalls mit einem feinen Lächeln um die Lippen.

Ruri-chan folgt mir mit ihrer Hängematte und unseren Rucksäcken.

Ich wende mich zum Versammlungshaus und knüpfe dort meine Hängematte diagonal in einer Ecke an zwei Pfähle. Inzwischen ist es dunkel geworden und ich lege mich schlafen nachdem ich den Reißverschluss des Gaze-Oberteils zugezogen habe. Ruri-chan steht mit verwirrtem Gesichtsausdruck vor mir.

"Herr?"

Ich öffne den Reißverschluss wieder und lasse sie zu mir hineinklettern. Sie kuschelt sich bei mir an. Ich bekomme nur noch einen Satz von ihr mit, dann bin ich eingeschlafen. Sie sagt:

"Das sind barbarische Sitten hier!"

Kaum wird es hell, erwacht auch der Regenwald. Wenige Minuten später kommen die ersten Frauen in das Versammlungshaus und beginnen mit Reinigungsarbeiten. Sie fegen den Boden mit Reisigbesen, so dass die Luft voller Staub ist. Schnell verlassen wir das Haus in Richtung Fluss, um uns zu waschen. Draußen muss ich mehrfach laut niesen.

Zurückkommend sehe ich, dass man die Hängematte abgehängt und zusammengerollt in die Ecke gelegt hat. Die Frauen schmücken das Versammlungshaus für ein Fest, an dem die ganze Dorfgemeinschaft wie gewöhnlich teilnimmt. Ich wende mich also zu Primoks Hütte. Vor der Hütte treffen wir auf Meru, die mit einem Krug von dem kleinen Fluss kommt.

"Hallo, guten Morgen, Meru," spreche ich sie an.

Sie schaut mich kurz an und verschwindet dann im Innern der Hütte. Ich setze mich also draußen neben den Eingang auf einen Stein und warte. Ruri-chan kniet sich neben mich in den Seiza -Kniesitz-. Eine halbe Stunde später kommt Primok aus dem Wald mit einem jungen Brüllaffen und zwei Papageien über der Schulter.

"Guten Morgen, mein Freund, hast du gut geschlafen?"

"Sehr gut, Primok," gebe ich lächelnd zurück.

"Du hattest noch keinen Mate-Tee!" stellt er fest.

Er wirft die Tiere in die Hütte und ruft:
"Meru, bring? uns Tee!"

"Hol ihn dir selbst!" schallt es aus dem dämmrigen Inneren.

Mit einem Sprung ist er in der Hütte.

"Primok!" ertönt es protestierend von drinnen, dann ist er schon wieder bei uns mit drei Tee-Schalen im Arm.

Er setzt sich zu uns und sagt lächelnd:
"Der Tee ist gleich fertig."

Meru kommt in diesem Moment mit einer verbeulten Metallkanne ins Freie und schenkt uns Tee ein. Danach geht sie wieder zurück in die Hütte, um dem Affen das Fell abzuziehen und die Vögel zu rupfen. Anschließend bringt Primok die Tiere zum Versammlungshaus, das inzwischen prächtig aussieht. Auch andere haben Nahrungsmittel gebracht, die dort nun fertig zubereitet werden. Wan, die Frau Apoks, führt die Aufsicht. Sie lächelt glücklich in sich hinein.

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