Mittwoch, 14. April 2021
Yamato Nadeshiko -56-
"Weiß Meru, dass sie entführt werden soll?" frage ich.

"Aber ja," erklärt mir Primok, "wie könnte sie sonst zur rechten Zeit fertig sein?"

"Ich habe mir das nicht klar überlegt," erwidere ich daraufhin.

"Schon gut," meint Primok großzügig.

"Nun, dann wollen wir zum Dorf zurückkehren. Die Brüllaffen sind fort und ich freue mich auf den Mate-Tee," schlage ich vor.

"Ach, mein Freund," sagt Primok traurig, "leider haben wir keinen Mate-Tee."

"Aber noch vor kurzem hattest du doch sehr viel."

"Stimmt, aber jetzt gibt es ihn nicht mehr."

"Du hast dir Meru mit dem Tee gekauft?" frage ich.

Primok sieht mich entsetzt von der Seite an.

"Ich habe Apok ein Geschenk gemacht," antwortet er.

"Oh," mache ich.

"Außerdem haben wir keinen Zucker."

"Wenigstens haben wir die Leopardenfelle von unserem letzten Jagdausflug!" erinnere ich mich.

"Apok mag Leopardenfell..." meint Primok darauf.

"Oh."

Wir trotten ins Dorf zurück. Wie es das Glück so will, begegnet uns Meru.

"Ah," sagt sie. "Ihr kommt von der Jagd zurück."

"Ja," antwortet Primok.

"Wie ich sehe, brecht ihr unter der Last eurer Beute beinahe zusammen," meint sie amüsiert.

"Nein," gibt Primok zu und schaut zu Boden.

"Ich verstehe," meint Meru. "Ihr habt draußen viele Tiere getötet und das Fleisch als euer Eigentum gekennzeichnet. Später schickt ihr die Jungs los, damit sie für uns alle Fleisch abschneiden."

Primok lässt den Kopf hängen.

"Du willst doch nicht behaupten, dass du ohne Fleisch ins Dorf zurückgekehrt bist?" fragt sie ungläubig.

"Ja."

"Das glaube ich einfach nicht! Ein großer Jäger wie Primok bringt kein Fleisch?"

Primok tritt von einem Fuß auf den anderen und schaut zu Boden.

"Ob sich mein Vater wohl irrt?" fragt sie.

Primok hebt verwirrt den Kopf.

"Er behauptet, Primok wäre ein großer Jäger! Ich halte das für die Wahrheit. Nur ist Primok nicht besonders schlau und lässt das Fleisch draußen liegen, wo die Leoparden es sich holen können."

Wieder senkt Primok den Kopf.

"Was für ein Glück, dass du ein Pechvogel ohne Frau bist! Stell dir vor, wie verlegen sie jetzt sein müsste! Sie wendet sich an ihre Gäste: 'O nein, Primok hat schon wieder vergessen, das Fleisch mitzubringen.' 'Nicht schon wieder!' rufen sie. 'O ja,' sagt sie. 'Er ist ein großer Jäger. Er vergisst bloß immer seine Beute mit nach Hause zu bringen. Er ist nicht gerade klug. Er überlässt das Fleisch den Leoparden.'"

"Glaubst du wirklich, dass sie damit rechnet, entführt zu werden?" frage ich Primok leise.

"Aber ja," antwortet Primok leise. "Siehst du nicht, dass sie mich liebt?"

"O doch, das sieht man sofort," meine ich ironisch.

Meru wendet sich an mich. Mit schneller Bewegung zieht sie ein Messer.

"Ich glaube nicht, dass du mich entführen wirst," sagt sie. "Ich werde dich in Streifen schneiden!"

Ich weiche einen Schritt zurück, um nicht von dem Messer getroffen zu werden. Primok springt ebenfalls zur Seite. Wieder wirft Meru den Kopf in den Nacken, macht kehrt und entfernt sich.

"Sie ist manchmal ein bisschen launisch," erklärt Primok entschuldigend.

"O ja," antworte ich zustimmend.

"Aber sie liebt mich."

"Bist du sicher?" frage ich ihn stirnrunzelnd.

"Ja. Sie kann ihre Gefühle nicht verbergen."

Er stößt mich mit dem Ellbogen kumpelhaft an.

"Ist dir nicht aufgefallen, dass sie mit dem Messer nicht zugestoßen hat?" fragt er geheimnisvoll.

"Ja," sage ich, "sie hat daneben gestochen."

"Wenn Meru mich nicht liebte, hätte sie getroffen!"

"Ich hoffe nur, dass du recht hast."

"Tuna hat sie nicht verfehlt."

"Oh."

"Er lag sechs Wochen in seiner Hütte."

"Dein Freund Tuna?" frage ich nach.

"Ja," erwidert Primok. "Vor Jahren hatte er um sie gefreit."

*

Es ist nicht einfach, an einer Hütte aus Zweigen und Blättern anzuklopfen.

"Sei gegrüßt, Apok!" rufe ich daher laut.

Ein kupferrotes Gesicht schiebt sich aus dem dämmrigen Inneren. Es ist ein sehr breites Gesicht mit hohen Wangenknochen und beinahe schwarzen, funkelnden Augen, ein Gesicht, das von kurz geschnittenem blauschwarzem Haar gerahmt wird.

"Ah," Apok zeigt ein breites Grinsen, "du musst der junge Mann sein, der meine Tochter entführen will."

"Ja," sage ich.

Er scheint guter Stimmung zu sein. Womöglich hat er viele Jahre lang auf diesen Augenblick gewartet.

"Sie ist noch nicht fertig," sagt Apok und zieht entschuldigend die Achseln hoch. "Du weißt ja, wie junge Frauen sind."

"Ja," erwidere ich.

Ich blicke über die Schulter auf Primok, der mir aus einigen Metern Entfernung moralische Unterstützung zukommen lässt. Er lächelt und winkt mir ermutigend zu. So warte ich also gelassen mehrere Minuten lang vor der Hütte. Eine zweite Gestalt kommt ans Licht, eine Frau, Wan ?Honig-, die Frau Apoks und Mutter von Meru. Sie lächelt zu mir empor, verneigt sich etwas und reicht mir eine Schale Mate-Tee.

"Danke," sage ich freundlich und trinke den Tee, während sie wieder nach drinnen geht.

Nach kurzer Zeit kehrt sie zurück und ich gebe ihr die Schale. Sie lächelt, nickt und verschwindet wieder in der Hütte.

Primok schleicht langsam näher heran. Er scheint beunruhigt zu sein.

"Es sollte nicht so lange dauern, eine junge Frau zu entführen," flüstert er.

Ich nicke.

"Es sollte nicht so lange dauern, ein Mädchen zu entführen!" rufe ich.

Erwartungsvoll zieht sich Primok wieder zurück.

In der Hütte hören wir plötzlich streitende Stimmen. Es wird lautstark geschimpft. Ich erkenne Merus Stimme, wie auch die von Apok und Wan. Sie äußern sich in ihrer Muttersprache, von der ich bisher nur wenige Worte verstehe. Mehrmals höre ich das Wort, das Mate-Tee bedeutet und schließe daraus, dass Apok nicht die Absicht hat, Primok seinen Tee und die anderen Geschenke zurückzugeben. Nach einer Weile taucht Apoks Kopf am Eingang auf.

"Sie will nicht entführt werden," verkündet er mürrisch.

"Na, das war's dann," sage ich achselzuckend und wende mich an Primok. "Sie will nicht entführt werden. Kehren wir also zu deiner Hütte zurück."

"Nein, nein!" ruft Primok. "Jetzt musst du in die Hütte stürmen und sie gewaltsam heraustragen."

"Ist Apok bewaffnet?" frage ich vorsichtig.

"Was macht das für einen Unterschied?" will Primok wissen.

"Ich dachte mir, dass da ein Unterschied wäre," antworte ich schulterzuckend.

Ich komme nicht vom Gedanken an das Blasrohr los.

"Nein," sagt Primok und ruft: "Apok!"

Apok kommt wieder ins Freie.

"Sieht so aus, als müsste deine Tochter gewaltsam entführt werden," sagt Primok.

"Ja," meint Apok, und die Antwort zusammen mit der Mimik beruhigen mich.

"Dann los!" sagt Primok zu mir. "Rein in die Hütte! Hol sie!"

"Na gut," sage ich halbherzig.

"Sie hat ein Messer," warnt mich Apok.

"Mach schon!" drängt Primok.

"Wir wollen doch nichts überstürzen," meine ich. "Bist du sicher, dass du Meru in deiner Hütte haben willst? Vielleicht solltest du dir das alles noch einmal überlegen."

"Aber wir lieben uns doch," stellt Primok fest.

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